So. 09.10.2016 / 11:00

HIERONYMUS BOSCH – SCHÖPFER DER TEUFEL

Ein Beitrag zum heutigen “European Art Cinema Day“

Er zählt zu den wichtigsten Renaissance-Malern, obwohl (oder gerade weil) sich seine düsteren, von obskuren Gestalten bevölkerten Werke einer einfachen Deutung entziehen. In dieser Doku begibt sich ein Experten-Team zum 500. Todestag des Meisters auf eine Reise, um dessen Werke zu untersuchen. Der Film verschafft uns einen hochinteressanten Einblick hinter die Kulissen der Bosch-Forschung und modernen Bildanalyse. Kunst- und Renaissance-Fans sowie Zuschauer, die sich mit den bizarren Bilderwelten von Bosch, die voller detailreicher Anspielungen und kryptischer Symbole stecken, kommen hier auf ihre Kosten. Noch nie war man den Werken des Meisters so nahe, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Regisseur viele Bilder in langen Nahaufnahmen zeigt und noch weiter geht: die Kamera konzentriert sich auf einzelne Details der Werke, von bizarren Fratzen über angsteinflößende Wesen bis hin zu rätselhafte Symbolen, rückt sie groß ins Bild und ermöglicht uns Zuschauern so eine genaue, intensive Betrachtung. Auf diese Weise werden selbst Bosch-Kenner bisher unbekannte Elemente in seinen Werken finden. Es ist total spannend, den Experten bei ihrer Arbeit zuzusehen. Mit Hilfe modernster Methoden wie der Infrarot-Fotografie oder der Röntgendiagnostik versuchen die Wissenschaftler, Kenntnisse über einige der wesentlichen Fragen zu erlangen. In den intimsten und persönlichsten Momenten des Films sieht man Wissenschaftler vor den Bilder sitzen, wie sie die Meisterwerke voll und ganz auf sich wirken lassen – ähnlich eines Trance-Zustandes und voller Demut.

So. 09.10.2016 / 20:00

JULIETA

Ein Beitrag zum heutigen “European Art Cinema Day“

Für seinen 20. Film hat Pedro Almodóvar drei Kurzgeschichten der von ihm verehrten Nobelpreisträgerin Alice Munro adaptiert und kehrt damit zurück zu seinen größten Erfolgen, zu Melodramen wie „Alles über meine Mutter“, „Volver“, „Sprich mit ihr“: Die junge Witwe Julieta lebt mit ihrer Tochter Anita in Madrid. Beide leiden im Stillen über den Verlust von Julietas Mann, Anitas Vater. Doch manchmal bringt Trauer Menschen nicht näher zusammen, sondern treibt sie auseinander. Als Anita sie kurz nach ihrem 18. Geburtstag ohne ein Wort der Erklärung verlässt, bricht für Julieta eine Welt zusammen. Die verzweifelte Mutter lässt nichts unversucht, Anita aufzuspüren, aber was sie herausfindet ist nur, wie wenig sie über ihre Tochter weiß. Viele Jahre später trifft sie auf der Straße zufällig eine Jugendfreundin ihrer Tochter, die Anita erst kürzlich getroffen hat. Julieta schöpft wieder Hoffnung und beginnt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, die schönen wie die schmerzhaften. Was durch “Julieta“ zirkuliert ist ein Symbol von Schmerz und Versehrung, dem der große spanische Regisseur mit diesem großen Film so direkt ins Gesicht schaut wie Julieta, während sie an ihre Tochter schreibt.

Mo. 10.10.2016 / 20:00

THE ASSASSIN

Die Attentäterin tötet nur, wenn es „unvermeidlich“ ist.

Melancholischer Abgesang und Höhepunkt eines Genres: Für seinen Historienfilm „The Assassin“ bekam der Regisseur Hou Hsiao-Hsien, Hauptvertreter der taiwanesischen Nouvelle Vague, 2015 in Cannes den Regiepreis. Wie „einen Vogel im Flug“ soll die schöne Kämpferin Nie Yin-Niang einen chinesischen Beamten töten. Sie ist zur Attentäterin ausgebildet, und man sieht sofort, dass sie bestens geeignet ist für diese besondere Aufgabe. Sie fliegt förmlich an dem Reiter vorbei, dem sie in dieser Bewegung gekonnt die Kehle durchschneidet. Kaum hat man sie erspäht, ist sie bereits wieder im Wald verschwunden. Nie Yin-Niang hat ihre Bewährungsprobe bestanden, nun ist sie bereit für höhere Aufgaben. Sie soll in einem dynastischen  Konflikt Ordnung schaffen: Doch die Aufgabe ist unmenschlich, denn der Gouverneur Tian Jian, den sie umbringen soll, ist der Mann, dem Nie zur Frau versprochen wurde und den sie über alles liebt. Politische Widerstände am Hof haben einst die Hochzeit zwischen ihnen verhindert. Wird sie ihre Pflicht als Assassin erfüllen oder auf ihr Herz hören? Nach der Premiere in Cannes waren die Reaktionen fast einhellig euphorisch. Nur gelegentlich gab es Einwände, die von ästhetischem Leerlauf sprechen. Dieser Eindruck könnte sich tatsächlich einstellen angesichts der schieren Schönheit, von der die Bilder geprägt sind. Doch es scheint, dass der Regisseur durch diesen Bilderrausch hindurchblickt auf etwas Tieferes, das nicht mehr zur heldenhaften Identifikation und zur Verklärung der Vergangenheit taugt, sondern nur noch zu einem untröstlichen Blick auf die Verluste, von denen das Leben geprägt ist. Dieser grossartige Film ist eine wahre Kostbarkeit.

So. 16.10.2016 / 11:00

DER BAYERISCHE LECH

Auf vielfachen Wunsch: Eine weitere Aufführung des Films zur Ausstellung im Neuen Stadtmuseum.

Der Lech ist weithin bekannt als einer der letzten Wildflüsse nördlich der Alpen. Dies gilt jedoch nur für den oberen Lech in Vorarlberg und Tirol. Auf bayerischem Gebiet wurde der Fluss innerhalb von hundert Jahren vom wilden Gebirgsfluss zum ferngesteuerten Stromlieferanten umfunktioniert. In einer spannenden Dokumentation zeigt der Augsburger Filmautor Heinz Förder die weitreichenden Konsequenzen dieser Maßnahmen auf den Fluss und seine Umgebung auf. Dabei geht er auch ausführlich darauf ein, welche Auswirkungen der Bau der Kraftwerke mit sich brachten, besonders eindringlich demonstriert am Beispiel des Forggensees. Trotz allem bietet die Lechlandschaft auch heute immer noch Naturerlebnisse besonderer Art. Der Film fesselt den Zuschauer mit wunderbaren Naturaufnahmen und zeigt gleichzeitig ganz deutlich, wie verwundbar und gefährdet der heutige Zustand ist. Durch viele Maßnahmen wird versucht, die spezielle lechtypische Landschaft zu erhalten. Ob dies nachhaltig gelingt, bleibt zu hoffen. Der Film vermittelt das Gefühl: Es ist noch viel zu tun, aber wir können es schaffen.

Mo. 17.10.2016 / 20:00

TOMORROW

Ein Film über die Lösungen, die wir brauchen, um den globalen ökologischen Kollaps aufzuhalten.

Eigentlich ist jedem heute klar, dass wir als Menschheit an unserer Lebensweise etwas verändern müssen, wollen wir die Erde, unsere Natur und Ressourcen bewahren und schützen. Sowohl die Denkweise eines grenzenlosen Wachstums als auch die Idee einer ungeordneten Globalisierung führen absehbar in eine Sackgasse. Was, wenn es die Formel gäbe, die Welt zu retten? Was, wenn jeder von uns etwas dazu beitragen könnte? Als die Schauspielerin Mélanie Laurent und der französische Aktivist Cyril Dion in der Zeitschrift “Nature“ eine Studie lesen, die den wahrscheinlichen Zusammenbruch unserer Zivilisation in den nächsten 40 Jahren voraussagt, wollten sie sich mit diesem Horror-Szenario nicht abfinden. Schnell wurde ihnen jedoch klar, dass die bestehenden Ansätze nicht ausreichen, um einen breiten Teil der Bevölkerung zu inspirieren und zum Handeln zu bewegen. Also machten sich die beiden auf den Weg, sprachen mit Experten und besuchten weltweit Projekte und Initiativen, die alternative ökologische, wirtschaftliche und demokratische Ideen verfolgen. Was sie fanden, sind Antworten auf die dringendsten Fragen unserer Zeit. Und die Gewissheit, dass es eine andere Geschichte für unsere Zukunft geben kann. Mélanie Laurent und Cyril Dion: „Es gibt wahrscheinlich keine perfekte Demokratie, kein perfektes Wirtschaftssystem, keine perfekte Schule. Aber während unserer Reise wuchs in uns eine neue Vision der Welt. Wir müssen etwas tun. Jetzt!“

Di. 18.10.2016 / 20:00

MAGICAL GIRL Cine Español / VHS OmU

Der Film eröffnete 2015 das Spanische Filmfest in Berlin.

Bei seiner Europapremiere auf dem Internationalen Filmfestival in San Sebastián hatte die Verfilmung bereits die “Goldene Muschel“ gewonnen, der Regisseur und beide Hauptdarsteller erhielten den “Goya Award“: Der arbeitslose Lehrer Luis kümmert sich aufopfernd um seine 12-jährige an Leukämie erkrankte Tochter Alicia. Von der Situation psychisch überfordert, klammert er sich daran, dem Mädchen wenigstens ihren großen Wunschtraum von einem maßgeschneiderten Kostüm einer  japanischen Zeichentrickheldin zu verwirklichen. Als sein Geld auch nach dem Verkauf all seiner Bücher nicht ausreicht, entschließt er sich zu einer Verzweiflungstat. Noch ehe er den Plan verwirklicht, trifft er auf Bárbara, schläft mit ihr und nutzt die Gelegenheit, von ihr Geld für das gewünschte Kostüm zu erpressen. Um sich vollends in das Fantasie-Vorbild verwandeln zu können, fehlt noch ein kostbarer Zauberstab. Luis verlangt abermals Geld von Bárbara. Bei diesem zweiten Erpressungsversuch beschließt sie jedoch, sich an Luis zu rächen. Um das geforderte Geld zu beschaffen, geht Bárbara auf sexuelle und gewalttätige Rituale bei reichen Freiern ein, die sie zwar vor ihrem Mann verheimlicht, ihr aber offenbar aus ihrer beruflichen Vergangenheit vertraut sind. Eines dieser erotischen Treffen läuft aus dem Ruder und löst eine gefährliche Lawine an Ereignissen aus. Durch geschickte Manipulationen gelingt es ihr, einen alten Bekannten dazu zu bewegen, als Komplize an ihrer statt erbarmungslos Rache zu üben…

Mo. 24.10.2016 / 20:00

DER UNTERTAN

DEFA-Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinrich Mann.

Diederich Heßling bedient alle Klischees vom guten preußischen Untertan. Er ist autoritätsgläubig, lernt aber, dass es am angenehmsten ist, auch über ein gewisses Maß an Macht zu verfügen. Dass man auch der Macht dienen muss, wenn man selber in Bezug auf Macht vorankommen möchte, lernt er ebenso: Nach oben buckeln und nach unten treten. Er schmeichelt sich deswegen beim Regierungspräsidenten von Wulckow ein.Unter dessen Schutz intrigiert er gegen Konkurrenten und paktiert in der Papierfabrik mit den von ihm abhängigen Sozialdemokraten, die auch dort arbeiten. Am Höhepunkt seiner Macht ist er angekommen, als er ordensgeschmückt in einem aufziehenden Gewitter ein Kaiserdenkmal einweihen und sich hier chauvinistisch in Rage reden kann. Die klare Politische Botschaft der Schlussszene wird da deutlich, wo aus dem anschwellenden Getöse des Donners und Windes dann als Fanal die Fanfare der NS-Wochenschau wird. Heinrich Mann hatte die Filmrechte für seinen 1918 erschienenen Roman der DEFA überschrieben, starb aber, bevor der Film 1951 gedreht wurde. In der ganzen Welt erhielt der Film hohe Anerkennung. Lediglich in der Bundesrepublik Deutschland wurde er für sechs Jahre verboten, da man den Film als einen Angriff auf die Bundesrepublik betrachtete, in der viele Ansätze eines erneuten Untertanenstaates sahen. Wir zeigen den Film „Der Untertan“ nach der Theateraufführung vom 23.Oktober.

Mo. 31.10.2016 / 20:00

L`AVENIR – ALLES WAS KOMMT

Das Leben einer Pariser Intellektuellen gerät aus den Fugen.

Nathalie, Ende 50, ist Lehrerin für Philosophie an einem Pariser Lycée und sehr engagiert. Nebenbei publiziert sie in einem kleinen Verlag. Ihr Mann unterrichtet an der Universität. In ihrem intellektuell-bürgerlichen Haushalt sind die beiden erwachsenen Kinder ebenso gern zu Gast wie ihre Studenten. Um die Zukunft hat sich Nathalie in ihrem ausgefüllten Alltag bisher kaum Gedanken gemacht. Bis ein geballtes Zusammentreffen unvorhergesehener Ereignisse alles verändert. Mit einer plötzlichen Freiheit konfrontiert, die jedoch auch Einsamkeit mit sich bringt, muss Nathalie sich selbst und ihr Leben neu erfinden. Mit ihrem fünften Spielfilm reflektiert die Regisseurin Mia Hansen-Løve in einem intensiven, auch ironischen Frauenporträt über das beginnende Altern. Es geht um Fragen des Glücks, der Berufung, des Sinns oder Unsinns gefestigter Strukturen. Dabei zeigt der Film nicht nur die persönliche Suche nach neuen Wegen, sondern fragt auch, ob und wie die Philosophie auf den Alltag angewendet werden kann. Isabelle Huppert spielt die verzweifelte Nathalie und liest gerade Hans Magnus Enzensbergers “Versuch über den radikalen Verlierer“, der Titel scheint sich genau auf sie zu beziehen. So erzählt „Alles was kommt“ die Geschichte einer Desillusionierung, die auch eine politische Komponente hat.