Mo. 04.06.2018 / 20:00

DIE VERLEGERIN

Eine packende Erzählung in der Tradition der großen Journalistenfilme.

© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

Der neue Film von Steven Spielberg ist zeitlich und örtlich genau umrissen. Er spielt 1971 in Washington DC und erzählt eine authentische Geschichte. Und gleichzeitig spiegelt er unsere Gegenwart, speziell den aktuellen Kampf um die Pressefreiheit, mit einer Brisanz, die mehr ist als nur gutes Timing. In einer Zeit, in der ein US-Präsident während einer Pressekonferenz die Journalisten als „Fake News“ beschimpft, seine Mitarbeiter das Schlagwort der „alternativer Fakten“ prägen, ein türkischer Präsident Journalisten verhaften lässt und in Deutschland rechtsradikale Demonstranten Berichterstatter als „Lügenpresse“ diffamieren, ist dieser Film wichtiger denn je. Der Film kommentiert das Heute, indem er vom Gestern berichtet. Er macht das spannend, unterhaltsam, mit großartigen Schauspielern. Und er findet dann noch die Zeit, von etwas anderem zu erzählen: der Emanzipation einer Frau, die sich in einer Männerwelt behaupten muss. Ein unbedingt sehenswerter Film, der nach der Wahrheit sucht und das journalistische Ethos verteidigt.

Mo. 11.06.2018 / 20:00

DER HAUPTMANN

Eine deutsch-polnisch-französische Filmbiografie über die Endphase des Zweiten Weltkrieges.

© 2018 Weltkino

Nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird der Soldat Willi Herold auf der Flucht von einer Gruppe betrunkener Landsleute durchs Dickicht gejagt. Jedoch gelingt es dem Deserteur, sich so gut zu verstecken, dass die Suche nach ihm abgebrochen wird. Nur unzureichend bekleidet schleppt er sich durchs Niemandsland, immer in Angst, getötet zu werden. Doch dann findet er in einem Militärfahrzeug eine Offiziersuniform. Er zieht sich diese über und wird von einem Soldaten überrascht, der glaubt, einen echten Hauptmann vor sich zu haben. Willi Herold erkennt sogleich, welche Möglichkeiten sich durch die Uniform ergeben und beginnt, versprengte deutsche Soldaten einzusammeln und eine Kampftruppe zu gründen. Aus einfachen Soldaten werden in den letzten Tagen des Krieges abscheuliche Monster. Die Redewendung „Kleider machen Leute“ legt in diesem Film durch die Hauptmanns-Uniform den Abgrund eines Menschen frei, die Mechanismen, die Menschen zu Mördern werden lassen. DER HAUPTMANN ist aber mehr noch als eine Parabel über das Funktionieren im Vernichtungskrieg. Er handelt davon, was passiert, wenn da nichts ist, was einem Menschen Einhalt gebietet. Keine Moral, keine Regeln, kein Widerspruch. Dem Regisseur geht es im Film genauso um die Gegenwart wie die Vergangenheit.

Di. 12.06.2018 / 20:00

PARIS PIEDS NUS / BARFUSS IN PARIS OmU

Wunderbar melancholische Komik a la Jacques Tati.

© 2017 Film Kino Text

Mit ihrem roten Haar, den knochigen Gliedmaßen und den eckigen Gesten ist die schüchterne Fiona ein Wesen von giraffenartiger Merkwürdigkeit. Die Bibliothekarin aus Kanada landet in Paris, um ihrer alten, bedürftigen Tante Martha beizustehen, von der sie einen verwirrten Brief erhalten hat und die sich weigert, in ein Altersheim gesteckt zu werden. Doch bei Fionas Ankunft ist die leicht senile, aber vitale Tante bereits aus ihrer Wohnung verschwunden. Das ist der Beginn einer rasanten Verfolgungsjagd, bei der Fiona statt ihrer Tante einen neuen Verehrer findet, den obdachlosen Dom, der nicht mehr von ihrer Seite weicht. Die Ereignisse zwischen Komik und Melancholie, Romanze und skurrilen Situationen machen den hinreißend choreographierten Film zu einem großen Kinogenuss.

So. 17.06.2018 / 20:00

DER SEIDENE FADEN

Brillant gefilmtes, grandios ausgestattetes Meisterwerk mit großartigen Darsteller/innen.

© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

Niemand kann Reynolds Woodcock in Sachen Mode und Schneiderkunst das Wasser reichen. Unterstützt von seiner Schwester Cyril kleidet er Adelige, Filmstars, reiche Erbinnen, Damen aus der Society und Debütantinnen im London der Nachkriegsjahre ein. Alle reißen sich um die unverwechselbaren Modelle des „House of Woodcock“. Frauen kommen und gehen im Leben des Modekönigs, dienen dem überzeugten Junggesellen als Inspiration und leisten ihm Gesellschaft. Bis er Alma kennenlernt. Eine junge, natürliche und unbefangene Frau mit starkem Willen. Bald schon ist sie aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken. Als Muse. Als Geliebte. Sein maßgeschneidertes Leben, kontrolliert und planvoll, beginnt sich an den Säumen aufzulösen… Die Geschichte eines Künstlers auf seiner kreativen Lebensreise, eine Geschichte vom Streben nach Schönheit und Perfektion und von den Frauen, die dafür sorgen, dass seine Welt sich immer weiter dreht, ist auf eine stilistisch brillante Weise ausgearbeitet und inszeniert. Ein großer Film!

Mo. 18.06.2018 / 20:00

BELLE DE JOUR / DIE SCHÖNE DES TAGES

Das Zeitlose liegt bei Luis Buñuel in den Elementen Unbewussten.

© Studiocanal

Vor 50 Jahren kam „Belle de Jour“ in die Kinos, und die aktuelle Wiederaufnahme des Films in einer digital restaurierten, hochaufgelösten 4 K-Fassung zeigt mal wieder, dass ein toller Film einfach zeitlos ist. Die Geschichte spielt 1967. Ein Paar des Pariser Großbürgertums der Sechziger sitzt abends gelangweilt im Salon: er arbeitet scheinbar, sie strickt. Man glaubt schnell zu wissen, um was es geht: Séverine (gespielt von der großartigen, 24-jährigen Catherine Deneuve) wünscht sich ein aufregenderes Liebesleben mit ihrem Mann. Aber dann weist sie ihn doch zurück, wenn er sich abends zu ihr legen will. Steht ihr der Sinn also vielleicht nach einem anderen? Buñuel präsentiert ihr eine Gelegenheit zum Seitensprung. Der ebenfalls ganz wunderbare Michel Piccoli hat seinen Auftritt, er spielt einen windigen, mit dem Paar befreundeten Schürzenjäger. Wenn es schneit denkt er an die Armen, sagt er, sonst an Sex – und an Séverine. Aber auch das lehnt sie ab. Gleichzeitig erzählt er ihr von einem Edelbordell, in das er früher gegangen sei. Das wiederum interessiert sie. Die reiche, unabhängige Séverine wird also in dem Etablissement von Madame Anaïs ein Doppelleben als Edelprostituierte beginnen. Nur tagsüber, bis fünf Uhr abends, dann muss sie heim zu ihrem Gatten.

Mo. 25.06.2018 / 20:00

CALL ME BY YOUR NAME

Das romantische Drama basiert auf dem gleichnamigen Roman von André Aciman.

© 2018 Sony Pictures

Italien, im Jahr 1983. Der 17-jährige Elio, jüdisch-amerikanischer Abstammung, verbringt den Sommer auf dem Landsitz seiner Eltern am Gardasee. Er stammt aus einer intellektuellen Familie und ist mehrsprachig aufgewachsen. Sein amerikanischer Vater ist Archäologe und forscht vor Ort über antike Skulpturen. Seine südländische Mutter begeistert sich für deutsche Literatur. Zu beiden pflegt Elio ein inniges Verhältnis. Elio vertreibt sich die Zeit mit Klavierspiel, liest viel und geht schwimmen. Er beginnt sich zu langweilen, bis seine Eltern den 24-jährigen Amerikaner Oliver bei sich aufnehmen. Der attraktive Student von der Ostküste ist ebenfalls jüdischer Abstammung und soll Elios Vater für einige Zeit bei der Forschungsarbeit assistieren. Elio wird von seinen Eltern gebeten, Oliver die Gegend zu zeigen. Schon bald freunden sich die beiden an. Die Presse bezeichnet den Film als den sinnlichsten der vergangenen Berlinale und sagt über den Regisseur – „Er hat ein außergewöhnliches Gespür dafür, zu observieren, was wir alle vom Leben wollen. Mit solch authentischen und berührenden Momenten dürfte der Film bald zum Kanon des queeren Kinos zählen, wie vor gut 10 Jahren „Brokeback Mountain“.

Mo. 02.07.2018 / 20:00

ZWEI HERREN IM ANZUG

Josef Bierbichler hat seinen Roman „Mittelreich“ verfilmt.

© 2018 X Verleih

Es beginnt mit zwei schwimmenden Hüten auf einem See, die von der Kamera überflogen werden – und endet mit zwei Hüten auf einem See, die als letztes Bild übrigbleiben. Dazwischen entfaltet der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Josef Bierbichler sieben Jahrzehnte bayrischer (und somit auch deutscher) Geschichte. Sein radikal antiidyllischer Heimatfilm zeigt ein untergegangenes ländliches Bayern, erzählt von inneren Verwüstungen, politischer Borniertheit und verdrängter Schuld, davon, was diese Welt in und mit den Menschen anrichtet. Alle verfehlen sie das Glück: Pankraz, der eigentlich Sänger werden wollte, Herr und Knecht ist im eigenen Haus, in dem böse bigotte Weiber regieren, ein tyrannischer Patriarch und in seiner emotionalen Verpanzerung Gefangener. Seine sanfte und widerspenstige Frau, die ihren Sohn innig liebt und ihn, als er im Klosterinternat missbraucht wird, grausam allein lässt. In einer Szene voller Wucht und Pathos verflucht Pankraz in einer Sturmnacht zu Wagner-Arien sein Leben. Bierbichlers Blick ist schonungslos unsentimental und einfühlsam zugleich. Trotz einiger Schwächen ist dieser fantastisch besetzte Film, der unter die Haut geht und immer wieder ans Herz greift, unbedingt sehenswert.

Mo. 09.07.2018 / 20:00

LUCKY

Der wunderbare Harry Dean Stanton gibt eine unvergessliche letzte Vorstellung.

© 2017 Alamodefilm

Er sieht aus wie eine zerknitterte Version des Marlboro Man, heißt aber Lucky und raucht „American Spirits“. Ein ganzes Päckchen, Rauch konserviert ja bekanntlich. Lucky ist um die 90 und hat sich bisher nie ums Alter sorgen müssen. Er trinkt jeden Morgen ein Glas Milch und macht während der Frühstückszigarette fünf Yogaübungen. Manchmal geht er ins Café, abends immer in die örtliche Bar. Mehr geschieht eigentlich nicht in diesem Film, der nach seinem Helden benannt ist, und doch bedeutet dieses Wenige die Welt. Stanton starb im September 2017, ein halbes Jahr nach der Weltpremiere seiner letzten großen Vorstellung. Seinem Schauspielkollegen John Carroll Lynch ist mit diesem Regiedebüt ein großartiger, kleiner Film gelungen. Als stiller Beobachter lässt er Harry Dean Stanton den nötigen Freiraum für kleinste Gesten und Gesichtsregungen, um seine minimalistische und nuancierte Performance zu entfalten. Der Film ist eine Liebeserklärung an Stantons unaufgeregtes Leben als oft übersehener Charakterdarsteller. Übersehen jedoch nur, weil dies seine erste Hauptrolle seit „Paris,Texas“ von Wim Wenders ist. Das war 1984, und doch hat er zu Recht eine liebevolle Fanbase, die ihn als Brett in „Alien“ feierte, der noch schnell die Katze vor dem außerirdischen Wesen retten wollte, oder als mürrischen Campingplatz-besitzer in David Lynchs Serie „Twin Peaks“. In deren Neuauflage sang er herzzerreißend von einer verflossenen Liebe. In LUCKY hallt dieser Song in einem Mundharmonikariff wider, das er selbst spielt. Und es gibt eine wunderbare Szene mit David Lynch, in der sie über Freundschaft philosophieren und einer entlaufenen Schildkröte, die „Präsident Roosevelt“ hieß, nachtrauern. Was für ein schöner Film!