Di. 07.07.2015 / 20:00

CALVARY VHS / English Cinema OmU

Deutscher Verleihtitel: “Am Sonntag bist Du tot“

Gleich vorweg: der deutsche Verleihtitel führt auf die falsche Spur. Der Originaltitel CALVARY trifft es besser – der Kalvarienberg gilt als der Ort vor den Toren Jerusalems, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Und CALVARY beginnt tatsächlich mit einem Todesurteil. James Lavelle, Priester eines kleinen irischen Ortes an der Küste von Sligo, nimmt die Beichte ab, und ein für den Zuschauer nicht identifizierbarer Sünder erzählt seine Geschichte. Jahrelang sei er als Kind von einem Priester missbraucht worden, und nun würde er Lavelle töten, nächsten Sonntag sei es so weit. Die Wahl des Opfers wirkt auf den ersten Blick abstrus, auf den zweiten hat er eine zwingende Logik: Einen Kirchenmann umzubringen, der Kinder vergewaltigt hat, würde niemanden schockieren, der Tod eines unschuldigen Priesters wie Lavelle hingegen schon. Dieser Mord träfe keinen individuellen Täter, sondern wäre die Rache an der ganzen katholischen Kirche. John Michael McDonagh thematisiert als einer der ersten irischen Regisseure den in seinen Dimensionen kaum zu fassenden Kindesmissbrauch in den katholischen Einrichtungen des Landes. Ausgehend von der zerstörerischen Gewalt, die den Schutzbefohlenen angetan wurde, kreist sein Film um die Frage, was Glaube und Ethik in der Moderne noch bedeuten. Zwar leuchtet die Vermutung des Priesters, dass viel zu viel über die Sünden und zu wenig über Vergebung gesprochen würde, unmittelbar ein. In den letzten Minuten insistieren die Bilder aber dann doch mit aller Wucht darauf, dass einmal Zerstörtes niemals mehr geheilt werden kann.