Mo. 14.09.2015 / 20:00

VICTORIA

Das vibrierende Ende einer Berliner Nacht in 140 Minuten ohne Schnitt.

Sebastian Schipper drehte die 140 Minuten einer langen Berliner Nacht in einem filmischen Atemzug, in einer einzigen, ungeschnittenen Einstellung. Ein kühnes Experiment ist dieser Film, der sich mit vitalem Furor gegen die sterile Perfektion der digitalen Bilder auflehnt und stattdessen Raum schafft für die Unwägbarkeiten und Vibrationen des Lebens. Es beginnt in einer schummrigen Technoclubhöhle, in einem Meer aus flackernden Lichtern und wummernden Bässen. Ganz langsam fischt die Kamera eine Figur aus der Masse der zuckenden Leiber, die junge Spanierin Victoria, die noch ganz frisch ist in Berlin. Ihr zwischen Neugier und Unsicherheit schwankender Blick auf die Welt prägt den Film genauso wie der Mir-gehört-die-Welt-Machismo der vier Jungs, mit denen sie Minuten später vor dem Club rumsteht. Die Kamera ist als Stellvertreter des Publikums unmittelbar dabei. Die Distanz zwischen Zuschauer und Handlung ist nahezu aufgehoben. Es entwickelt sich ein ungeheurer Sog, wenn aus der verlängerten Klubnacht langsam eine Liebesgeschichte entsteht, die sich wiederum in einen Krimi verwandelt, mit Banküberfall und groß angelegter Flucht vor der Polizei. Nur 12 Seiten liegen dem 140minütigen Film zugrunde: dieses Gerüst haben die Schauspieler grandios mit improvisiertem Leben und ansteckender Energie gefüllt. Vor allem auch der Kameramann, der nicht einfach nur stur dranbleibt, sondern mit der flirrenden Chemie zwischen den Helden auch das vibrierende Berliner Lebensgefühl einfängt. Der Lohn bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2015: Bester Film – Beste Regie – Beste Kamera – Beste Filmmusik – Beste weibl. Hauptrolle – Beste männl. Hauptrolle !