Mo. 16.02.2015 / 20:00

ZWEI TAGE, EINE NACHT

Das Kino der Dardenne-Brüder weiß um die zweifelhafte Natur des Menschen

Am Ende sind die großen Themen verhandelt worden, die Entsolidarisierung unserer Gesellschaft, die Verwandlung der Welt in ein einziges großes Gewerbegebiet – und doch wird es sich wie eine einfache Geschichte anfühlen, die uns Jean-Pierre und Luc Dardenne erzählen: Die junge Mutter Sandra (gespielt von der großartigen Marion Cotillard) ist entlassen worden; der Chef hatte ihre sechzehn Kollegen vor die Wahl gestellt – eine Prämie von 1.000 Euro für jeden, oder Sandra darf bleiben. Bis auf zwei haben alle das Geld gewählt, aber Sandra bewirkt eine neue Abstimmung. Nun bleiben ihr zwei Tage und eine Nacht, um für ihren Job zu kämpfen. Geld oder Solidarität – diese simple Frage öffnet ein weites Feld des Menschlichen: Sandra sucht jeden ihrer Kollegen persönlich auf, bittet sehr zurückhaltend das Votum zu überdenken, überredet kaum. Und sie erlebt aggressive Zurückweisung, feiges Verleugnen, aber auch Gewissensbisse und eine tränenreiche Entschuldigung. Ihr Fall wird zum Test für die Menschlichkeit dieser Belegschaft und eines Wirtschafts- und Wertesystems, das seinen Mitgliedern eine solche Wahl aufzwingt. Ein globales Netz von Waren und Wettbewerb, in dem wir in allen Ländern, allen Schichten, allen sozialen Gruppen und Milieus verstrickt sind. Wie schon in ihren Filmen “Das Kind“ und “Der Junge mit dem Fahrrad“ geben die Dardennes dieser Realität abermals ein Gesicht und eine Stimme.