Mo. 12.09.2016 / 20:00

SEEFEUER / FUOCOAMMARE

Der Dokumentarfilm gewann in diesem Jahr den Wettbewerb der Berlinale.

Eine Langzeitbeobachtung von Gianfranco Rosi auf Lampedusa , wo das Sterben der Bootsflüchtlinge und der Inselalltag verstörend unverbunden nebeneinander stehen. Es ist dieser gespenstische Kontrast, den Rosis Film beschwört, denn er macht deutlich, wozu der Dokumentarfilm gerade auch in Abgrenzung zum Nachrichtenjournalismus in der Lage ist. Um diesen Bildern etwas entgegenzusetzen, zog Rosi nach Lampedusa und filmte über ein Jahr lang den Inselalltag: Fischfang, Hausarbeit, Kinderspiele. Von der anderen Realität der Insel – dem Sterben der Flüchtlinge auf dem Meer – war dabei zunächst wenig zu sehen. In den letzten 20 Jahren sind 400.000 Migranten auf Lampedusa gelandet und mehr als 15.000 Flüchtlinge aus Afrika bei dem Versuch gestorben, nach Europa zu kommen. Das Nebeneinander der beiden Welten wird zur eindringlichen Metapher für die Blindheit Europas für die Katastrophe, die sich am Rande des Kontinents abspielt. Etwa wenn Rosi den 12-jährigen Samuele bei seinen Streifzügen über die Insel begleitet, der mit seiner Schleuder auf Vögel und Kakteen schießt. Er wird schnell seekrank und hat eine Sehschwäche – auch das könnte man als Metapher des Wegsehens des Westens deuten.