Mo. 10.10.2016 / 20:00

THE ASSASSIN

Die Attentäterin tötet nur, wenn es „unvermeidlich“ ist.

Melancholischer Abgesang und Höhepunkt eines Genres: Für seinen Historienfilm „The Assassin“ bekam der Regisseur Hou Hsiao-Hsien, Hauptvertreter der taiwanesischen Nouvelle Vague, 2015 in Cannes den Regiepreis. Wie „einen Vogel im Flug“ soll die schöne Kämpferin Nie Yin-Niang einen chinesischen Beamten töten. Sie ist zur Attentäterin ausgebildet, und man sieht sofort, dass sie bestens geeignet ist für diese besondere Aufgabe. Sie fliegt förmlich an dem Reiter vorbei, dem sie in dieser Bewegung gekonnt die Kehle durchschneidet. Kaum hat man sie erspäht, ist sie bereits wieder im Wald verschwunden. Nie Yin-Niang hat ihre Bewährungsprobe bestanden, nun ist sie bereit für höhere Aufgaben. Sie soll in einem dynastischen  Konflikt Ordnung schaffen: Doch die Aufgabe ist unmenschlich, denn der Gouverneur Tian Jian, den sie umbringen soll, ist der Mann, dem Nie zur Frau versprochen wurde und den sie über alles liebt. Politische Widerstände am Hof haben einst die Hochzeit zwischen ihnen verhindert. Wird sie ihre Pflicht als Assassin erfüllen oder auf ihr Herz hören? Nach der Premiere in Cannes waren die Reaktionen fast einhellig euphorisch. Nur gelegentlich gab es Einwände, die von ästhetischem Leerlauf sprechen. Dieser Eindruck könnte sich tatsächlich einstellen angesichts der schieren Schönheit, von der die Bilder geprägt sind. Doch es scheint, dass der Regisseur durch diesen Bilderrausch hindurchblickt auf etwas Tieferes, das nicht mehr zur heldenhaften Identifikation und zur Verklärung der Vergangenheit taugt, sondern nur noch zu einem untröstlichen Blick auf die Verluste, von denen das Leben geprägt ist. Dieser grossartige Film ist eine wahre Kostbarkeit.