Mi. 01.11.2017 / 20:00

DER TOD VON LUDWIG XIV.

Regisseur Albert Serra hat das Sterben des Sonnenkönigs als Filmkunstwerk inszeniert.

© 2017 Grandfilm

Der absolutistische Herrscher hat all seinen Glanz verloren, ist nur noch ein alter Mann in seinen letzten Zügen, dessen Bein vom Wundbrand zerstört wird. Mit der opulenten Perücke sieht er aus wie eine bizarre Karikatur seiner selbst. Ohne große Gesten und Tragik wirkt der Film eher wie ein nüchterner Tatsachenbericht – wenn auch in denkbar schönster Form. Albert Serra orientiert sich an den historischen Dokumenten des Schriftstellers Saint-Simon, der am Hof Ludwig XIV. lebte. Gefühlte 80 Prozent der Handlung spielen im Schlafgemach des kranken Königs. Man verliert zunehmend das Gefühl, im Kino zu sitzen. Vielmehr meint man, wirklich mit am Bett zu stehen, so sehr fesselt die Kammerspielatmosphäre. Der Film wirkt mit seinen Farben und seiner Belichtung selbst wie ein Barockgemälde. Diese Mischung aus Experiment und Authentizität erzeugt eine seltsame und zugleich anziehende Stimmung, die man so im Kino schon lange nicht mehr gesehen hat. Das Ganze wird gekrönt von Jean-Pierre Léauds Schauspielleistung. Bekannt wurde er aus den vielen Filmen der Novelle Vague nach Francois Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ von 1960. Als Ludwig XIV. hinterlässt er sicher einen der bleibendsten Eindrücke seiner Karriere. Léaud ist ein Ereignis an sich: sofort fühlen wir uns in diesen Greis hinein, an dem die Zeit, die er geprägt hat, nur noch vorbeifließt. Trotzdem ist er noch der Sonnenkönig, um den sich der ganze Hof dreht. Und wenn er in diesem Meisterwerk den leidgeprüften Blick gen Kamera lenkt und dazu Mozarts Große Messe in c-Moll erklingt, versteht man wieder die Kraft und den Wert des Kinos.