ARCHIV FÜR April 2011

Mo. 18.04.2011 / 20:00

LOURDES

Reihe: Der besondere Film

Zwischen Glaube und Hoffnungsindustrie: Jessica Hausners erstaunlicher Film erzählt ganz unaufgeregt von der Pilgerfahrt einer jungen Frau. Wie ein Feldforscher folgt die Kamera der jungen ganzkörpergelähmten Christine. Lourdes ist eines jener Ziele der Heilsuchenden, die sich zu einer großen Hoffnungsindustrie entwickelt haben. Hier, wo sich die Muttergottes im Jahre 1858 einem jungen Mädchen offenbart haben soll und wo jährlich Abertausende von Pilgern zusammenströmen. Hier, wo man als Behinderte von wohltätigen Freiwilligen gefüttert, geschoben, gebettet, gewaschen und gekämmt wird. Hier, wo die unzähligen Souvenirläden bis unter die Decke mit Marienfigürchen vollgestopft sind. Nie lässt sich dieser Film aus der Ruhe bringen. Er entblößt zwar die Absurdität der Wallfahrtsfabrik, geht aber sehr behutsam um mit den Menschen, die von ihr angezogen werden. Prädikat: unbedingt sehenswert!

Mo. 11.04.2011 / 20:00

UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN

Reihe: Der besondere Film

Boonmees Erfahrungen, die auf den in einem Buch festgehaltenen Geschichten eines alten Mannes basieren, der während der Meditation seine früheren Leben an sich vorüberziehen sieht, stehen für eine vom Aussterben bedrohte Kultur, der der Regisseur eine Stimme verleiht. Bewusst bezieht er die Imaginationskraft des Zuschauers in sein Rezeptionskalkül mit ein, und es gelingen ihm eindringliche Bilder exotischer Schönheit. Alles findet nach und nach zueinander: die Geräusche und die  Bilder, Geister und Menschen und Tiere. Wenn man sich ganz und gar verlieren kann, wird alles eins: Differenz und Identität, Wachbewusstsein und Traumbewusstsein. Ein Meisterwerk, das sich weniger ans rationale Denken als ans Fühlen richtet. Mai 2010: Die erste Goldene Palme für Thailand!

Di. 05.04.2011 / 20:00

Le Refuge – Rückkehr ans Meer

VHS / Cinéma Français (OmU)

Mousse und Louis sind jung, wohlhabend und verliebt. Doch Drogen haben ihr Leben zerstört. Eines Tages nehmen sie eine Überdosis, an der Louis stirbt. Mousse überlebt und erfährt im Sanatorium, dass sie schwanger ist. Verzweifelt verlässt sie Paris und zieht sich in ein Haus am Meer zurück. Dort besucht sie Louis’ Bruder Paul in ihrem Refugium. Mousse und Paul sind zwei Menschen, die nichts gemeinsam haben, und doch helfen sie einander, vertrauen sich. Sie sind Außenseiter, die sich noch selbst finden müssen. Der Film erzählt sehr behutsam die Geschichte eines schmerzvollen Verlustes und eines langsamen Heilungsprozesses. François Ozon gelang ein faszinierendes Kammerspiel, das bereits mit vielen Auszeichnungen bedacht wurde.