ARCHIV FÜR April 2012

Mo. 30.04.2012 / 20:00

atmen

Die Geschichte eines Einzelgängers mit schlechter Sozialprognose

Mit seiner ersten Regiearbeit ist Karl Markovics nicht nur ein wunderbarer Film gelungen, sondern ein kleines Kunstwerk. Seine hochstilisierte, eigene Bildsprache ermöglicht einen realistischen Einblick in die sozialen Verhältnisse und die unterschiedlichen Lebenswelten, die eine Jugendstrafanstalt, ein Bestattungsunternehmen oder die Wohnung einer Verstorbenen ausmachen. Das ist das Umfeld des 19-jährigen Roman Kogler, kurz vor seiner Haftentlassung aus einer Jugendstrafanstalt. Ohne je Gefahr zu laufen, in den Sozialkitsch zu stürzen, offenbart der Regisseur gegenüber seinem Protagonisten eine Einfühlsamkeit, der sich auch abgebrühte Kinogänger kaum werden entziehen können.

So. 29.04.2012 / 20:00

melancholia

ein wunderschöner film über das ende der Welt

Wer außer Lars von Trier würde sich auf ein so waghalsiges Unterfangen einlassen?
Der seit Jahren für seine Risikobereitschaft gefeierte Regisseur legt mit MELANCHOLIA ein neues Meisterwerk vor, mit dem er neue Wege beschreitet. Einmal mehr blickt  er mit seinem bildgewaltigen und emotional schonungslosen Drama tief in die seelischen Abgründe und Ängste seiner Protagonisten. In einer vorangestellten Ouvertüre – die atemberaubend schönsten Filmminuten des Kinojahres! – werden bereits alle Motive des Films angerissen aber nicht offen gelegt,  sondern Erwartungen wachgerufen und auf das Wunderbarste eingelöst.

So. 29.04.2012 / 11:00

gerhard richter painting

"malen ist eine andere form des Denkens!"

Der Film nimmt diese Prämisse ernst. In hoch konzentrierten Einstellungen lässt er uns an einem sehr persönlichen, spannungsgeladenen Schaffensprozess teilhaben. Vom ersten Farbauftrag über zahllose Bearbeitungen und Übermalungen bis hin zum letzten, entscheidenden Stadium, in dem die Bilder sich behaupten müssen. Es ist das eindringliche Portrait eines Künstlers bei der Arbeit – und ein faszinierender Film über das Sehen selbst. – Nominiert für den deutschen Filmpreis.

Mo. 23.04.2012 / 20:00

jane eyre

ein streben nach persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung

Weder sentimental oder pathetisch, sondern äußerst prägnant und sehr sehenswert inszeniert das Ausnahmetalent Cary Fukunaga den literarischen Weltklassiker von Charlotte Brontès. Bis zum heutigen Tag wurde der romantische Entwicklungsroman vielfach verfilmt, aber immer auf der Ebene melodramatischer Epen. Hier jedoch besteht die unkonventionelle Protagonistin nicht nur weil sie gut aussieht oder vermögend ist. Ihr Rüstzeug fürs Leben ist vielmehr ihr Mut, Entscheidungen zu treffen und ins Ungewisse zu gehen.

Mo. 16.04.2012 / 20:00

die Mühle und das kreuz

ein werk von überwältigender Schönheit und großem Tiefgang

Da haben sich zwei ganz ungewöhnliche Künstler, Regisseur Lech Majewski und Autor Michael Francis Gibson, getroffen und einen alten bedeutenden Künstler aus dem 16. Jahrhundert buchstäblich re-animiert. Der flämische Maler Pieter Bruegel bekommt 1564 von einem reichen Kunstsammler in Antwerpen den Auftrag für das Gemälde „Die Kreuztragung Christi“. Bruegel verlegt die Kreuzigung in seine Heimat, stellt die verschiedenen Stationen von der Kreuztragung bis zur Beweinung nebeneinander dar und füllt sein Werk zudem mit alltäglichen Situationen an. Der Film erweckt die Figuren des uralten Bildes zu neuem Leben und gibt uns einen besonderen Zugang zu dieser versunkenen, aber durch Kunst zweimal geretteten Welt.

Do. 05.04.2012 / 20:00

die grosse passion

erhellende einblicke in die passionsspiele von oberammergau

Eines der berühmtesten Dörfer der Welt erzählt  die größte Geschichte aller Zeiten. Im Pestjahr 1633 gelobten die Einwohner von Oberammergau, regelmäßig alle 10 Jahre ein Passionsspiel aufzuführen, das bis auf den heutigen Tag mit seiner Mischung aus Religion und barocker Opulenz Touristen aus aller Welt anzieht. Seele und Motor dieses Phänomens ist der Spielleiter Christian Stückl. Ein Naturtalent, ein Theatertier, im besten Sinne unverbildet.  Welche künstlerischen, kommerziellen und politischen Entscheidungen verbergen sich hinter diesem Spektakel? Der Regisseur beschränkt sich auf die Rolle des Beobachters. Am Ende wird alles gut: Nach der Kreuzigung muss Jesus erst mal duschen und dann schnell zur Auferstehung sprinten.

Mo. 02.04.2012 / 20:00

Faust

Ein neuer, ein anderer, ein bizarrer Faust.

Alexander Sokurows FAUST ist weniger eine Verfilmung von Goethes Drama – wenn sich auch Textstellen wieder finden – als eine Meditation über Macht, die Seele, den Menschen an sich. Dieser Faust ist vor allem bildmächtig, eigenwillig und fraglos ein faszinierendes Kunstwerk, das Tarkowskis Bilderwelt und Shakespeares Dramatik zu einer eigenen Deutung des Mythos zusammenführt. Im September 2011 erhielt dieses Meisterwerk in Venedig hochverdient den Goldenen Löwen!