ARCHIV FÜR April 2016

Mo. 25.04.2016 / 20:00

MUSTANG

Eine berührende Coming-of-Age-Geschichte über fünf Mädchen in der türkischen Provinz

Am letzten Schultag strömen die Teenager aus der Schule, um die große Freiheit der Sommerferien einzuläuten. Fünf Mädchen tollen ausgelassen mit ihren Schulkameraden am Strand im schäumenden Meerwasser herum. Sie ahnen nicht, wie kostbar diese letzten Momente unbeschwerter Freiheit sind. Zu Hause angekommen, werden sie von der Großmutter brutal zusammengescheucht. Eine sittenstrenge Nachbarin hat das unschuldige Glück am Meer verpetzt und die Mädchen als Huren diffamiert. Allen einengenden Maßnahmen von Verwandten, Nachbarn, Mauern und Zäunen zum Trotz bewahren sie sich eine unschuldig sinnliche Körperlichkeit, die von der Regisseurin mit ihren wunderbaren Darstellerinnen in betörend luftigen Bildern einfängt. Auch unter der konservativen Erdogan-Regierung wird die arabische Revolution weiterrumoren.

Di. 19.04.2016 / 20:00

MIA MADRE / MEINE MUTTER VHS/Cinema Italiano OmU

Nanni Moretti erzählt eine Geschichte am Rande des Nervenzusammenbruchs

Schon der Titel „Meine Mutter“ erinnert an den anderen tief bewegenden Film des Regisseurs „Das Zimmer meines Sohnes“. Doch anders als 2001 durchbricht Moretti mehrfach den ernsten Ton. Neben den traurig-schönen Klavierstücken von Arvo Pärt finden sich einige urkomische Szenen in diesem turbulenten Filmszenario. Und darin genau liegt die große Kunst dieses Films: Er wechselt die Tonarten so spielerisch, als wäre es eine kinderleichte Fingerübung und nicht das Schwerste der Welt.

Mo. 18.04.2016 / 20:00

GRÜSSE AUS FUKUSHIMA

Eine poetische Geschichte vom Loslassen und Weiterleben am Ort der Katastrophe

Marie, eine junge Deutsche, reist auf der Flucht vor ihren zerplatzten Lebensträumen nach Japan. Sie schließt sich der Organisation „Clowns4Help“ an, die im Katastrophengebiet von Fukushima den Opfern der Katastrophe von 2011 ein wenig Trost und Freude in die Notunterkünfte bringen will, in denen überwiegend ältere Menschen noch immer leben, weil sie nicht wegziehen wollten oder konnten. Schon bald muss sich Marie eingestehen, für diese Aufgabe nicht geeignet zu sein. Kurz davor erneut davonzulaufen, begegnet sie der eigenwilligen Satomi, der letzten Geisha Fukushimas, die es sich in den Kopf gesetzt hat, in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zurückzukehren. Marie hilft Satomi bei den Aufräumarbeiten. Dabei kommen sich die junge und die alte Frau, die unterschiedlicher nicht sein könnten, langsam näher und werden beide mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert. Wie Satomi (gespielt von der japanischen Schauspiel-Legende Kaori Momoi) und Marie (gespielt von Rosalie Thomass, die kürzlich den Bayerischen Filmpreis erhielt) gegen die Dämonen der Vergangenheit kämpfen, das ist bewegend anzuschauen. Die Regisseurin Doris Dörrie drehte ihren dritten Japan-Film am Ort der Katastrophe, dokumentarische Aufnahmen in den Geisterstädten, in Schwarz-Weiß. So verbinden sich in eindrucksvoller Weise Fiktion und Realität.

So. 17.04.2016 / 20:00

HAIL, CAESAR !

Eine intensive, ironische und monumentale Liebeserklärung an das Hollywoodkino

Der neue, hinreißende Film der Coen-Brüder hatte im Februar 2016 in Los Angeles Premiere und eröffnete am 11. Februar die 66. Filmfestspiele in Berlin. Es ist eine furiose Verbeugung vor dem alten Hollywood und zugleich eine zynische Parodie der damaligen Sitten im Filmgeschäft, das bestimmte Images für seine Schauspieler und Regisseure kreierte, die keinesfalls gefährdet werden durften, so dass die Studios vorgaben, welche Filme sie drehten und sich maßgeblich in ihr Privatleben einmischten. Faszinierend, mit welcher Detailverliebtheit und gleichzeitiger Rasanz diese größenwahnsinnige Phase des amerikanischen Kinos wieder aufersteht. Jedem wichtigen Genre der damaligen Zeit wird ein Denkmal gesetzt: Dem harten Western, dem überdrehten Musical, dem spektakuläre Sandalenfilm und dem gewaltigen Historienschinken. Der Film spielt in einem der größten Studios in der Geschichte der Traumfabrik: Metro-Goldwyn-Meyer. Im Mittelpunkt steht Eddie Mannix, der bei MGM zu einem „Fixer“ wurde. So nannte man die Figuren, die hinter den Kulissen dafür sorgten, dass der schöne Schein der Traumfabrik gewahrt bleibt.  Ein Fixer wurde immer dann gerufen, wenn es einen Skandal zu vertuschen galt: Uneheliche Schwangerschaften, homosexuelle Liebschaften, oder undurchsichtige Todesfälle. Josh Brolin spielt Eddie Mannix, eben diesen „Aufräumer“, mit intensiver Hingabe. Überhaupt sind alle Rollen in „Hail, Caesar!“ blendend besetzt: George Clooney, Scarlett Johansson, Ralph Fiennes oder Tilda Swinton ist in jeder Sekunde die Freude am Spiel anzusehen.

So. 17.04.2016 / 11:00

FRANCOFONIA russ./franz./dt. OmU

In einem wilden Filmtrip lässt Alexander Sokurov Napoleon durch den Louvre wandeln

Dies ist ein vergnügliches, ungemein reichhaltiges und bewegendes Sokurov-Capriccio. Wer Alexander Sokurov, die Gallionsfigur des russischen Autorenkinos, bisher nur als raunendes Orakel pechschwarzer apokalyptischer Visionen – etwa bei seinem 2012 bei uns gezeigten “Faust“ – kennen gelernt hat, wird sich verwundert und erfreut die Augen reiben. „Francofonia“ ist der funkelnde Kristall eines Essayfilms, der seine tiefgründige Reflexion über Kunst, politische Macht und die Seele Europas zur abenteuerlichen Reise werden lässt. Erzählerisch eröffnen sich immer neue Türen: Zu Historie und Traum, Meditation und komödiantische Flunkerei. Was bedeuten uns Museen überhaupt? Der Louvre wird als konkreter Ort und Zauberlabyrinth vielfältig erkundet. Die Symbolfiguren Frankreichs – Napoleon und Marianne – steigen aus den Gemälden und geistern durch die Hallen des Louvre. Während der deutschen Besatzung treffen 1940 der damalige Louvre-Direktor mit dem deutschen Leiter der Abteilung “Kunstschutz der Wehrmacht“ zusammen: Eine historisch bezeugte Freundschaftsgeschichte im Zeichen der Kunstbewahrung. Mit einer träumerischen Fantasie weitet Sokurov historische Themen in Angstbildern: Kampf, Krieg, Terror, Vernichtung. Die Kunst aber steht für das Gegenteil: Liebe, Respekt, Achtung, Offenheit. Das Museum ist nicht nur ein Tempel der Ästhetik, sondern der heilige Offenbarungsort der Seele Europas. Kunst muss bewahrt werden, um die Seele zu bewahren.

Mo. 11.04.2016 / 20:00

ANOMALISA

Ein hinreißend menschliches Kinokunststück über Einsamkeit und Entfremdung

Man kann es kaum glauben, dass ein Puppentrickfilm die menschliche Psyche genauer ausleuchtet als so mancher Realfilm. Dieses Stop-Motion-Drama fasziniert von der ersten bis zur letzten Sekunde – 91 Minuten lang. Mit einem unheilvollen Stimmengewirr beginnt der Film. Stimmen sind ein Leitmotiv in dieser melancholischen Tragikomödie. Die Geschichte handelt von Michael Stone, einem erfolgreichen Coach, der sich selbst nicht mehr aufraffen kann zum Glück. Er reist durch Amerika und begeistert mit Vorträgen über Telefonmarketing die Menschen. Doch warum klingen alle um ihn herum gleich, seine Frau wie der Hotelboy, seine Ex-Geliebte wie die Barfrau? Charlie Kaufmans Puppendrama, bei dem er zusammen mit dem Stop-Motion-Spezialisten Duke Johnson Regie geführt hat, erzählt mit dramaturgischer Raffinesse und poetischer Grausamkeit die Tragödie eines Mannes in der Sinnkrise. Lediglich kleine Momente des Glücks sind ihm vergönnt. Diese sind voller Zärtlichkeit und fragilen Hoffnungen, die mit einer Frauenstimme einhergehen, die anders klingt als all die anderen. Michael Stone tauft diese Frau „Anomalisa“. Eigentlich ist es ja kein Wunder, wenn einem die Welt surreal vorkommt – jeden Tag ein bisschen mehr.

Mo. 04.04.2016 / 20:00

PACO DE LUCÍA – AUF TOUR!

Zum Gitarren-Festival: Eine Dokumentation über die spanische Flamenco-Legende

Weniger die Person steht im Vordergrund, vielmehr die Musik. Daher ist der Film ein Muss für alle Liebhaber spanischer und lateinamerikanischer Klänge. Die Dokumentation erzählt natürlich auch aus dem Leben von Paco de Lucía, zeigt seine Heimatstadt Algeciras, erinnert an seine Kindheit und seine ersten Schritte als Musiker. Doch der Fokus liegt vor allem auf der Musik: Wie Paco de Lucía seine Musik schreibt, wie er komponiert und aufnimmt, mit anderen Musikern und Tänzern zusammenarbeitet und versucht, aus allem den perfekten Rhythmus herauszuholen. Gerade die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen ist das Herzstück des Films. Hier wird deutlich, dass fast alles was im Konzert häufig als intuitiv und improvisiert erscheint, das Ergebnis einer intensiven Probenarbeit ist. Der Film schreibt auch ein Stück Musikgeschichte, weil er zeigt, wie de Lucía und andere Musiker den Flamenco (weiter-)entwickelt haben. Künstlerkollegen wie Camarón de la Isla oder Bambino werden ebenfalls kurz porträtiert, um einen Eindruck davon zu geben, wie sie de Lucía und seine Arbeit geprägt haben. Es wurde dabei interessantes Archivmaterial verwendet, das die Zuschauer in die Stimmung der 1970er und 1980er Jahre zurückversetzt. Gedreht wurde diese großartige Dokumentation von seinem Sohn Curro Sánchez Varela, kurz vor dem plötzlichen Tod Paco de Lucías im Februar 2014.