ARCHIV FÜR Dezember 2017

Mo. 18.12.2017 / 16:00

TIMM THALER ODER DAS VERKAUFTE LACHEN

Ein Film nach dem gleichnamigen Roman von James Krüss.

© Constantin

Der junge Timm Thaler lebt in den 1920er Jahren mit seinem Vater in einer kleinen Gasse in einer deutschen Stadt. Auch wenn er in ärmlichen Verhältnissen groß wird, ist er glücklich, und er besitzt ein Lachen, dem niemand widerstehen kann. Dieses ist so ansteckend und entwaffnend, dass der wohlhabende Baron Lefuet es unbedingt besitzen will. Er glaubt, damit zu einer Sympathiefigur zu werden und so andere Menschen leichter manipulieren zu können und schlägt Timm einen ungewöhnlichen Handel vor. Timm wird in Zukunft jede Wette gewinnen können, wenn er ihm sein besonderes Lachen verkauft. Timm unterschreibt den Vertrag, um so die Schulden seiner Familie zu begleichen. Obwohl er sich dank der neuen Fähigkeit scheinbar alle Wünsche erfüllen kann merkt Timm bald, dass mit seinem Lachen auch seine Lebensfreude verloren gegangen ist. Er macht sich auf die Suche nach Lefuet, um sich sein Lachen zurück zu holen. Der Regisseur Andreas Dresen hat einen warmherzigen und spannenden Film geschaffen, der mit großartigen Bildern und einer klaren Botschaft gegen Gier und Konsumverhalten unter die Haut geht. Eine fantasievolle, kapitalismuskritische “Faust-Legende“ für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Geht bitte mit einem gesunden Lachen in die Weihnachtszeit!

So. 17.12.2017 / 11:00

MANIFESTO

Die Videoinstallation von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett ist als Film ein Fest für die Augen.

© 2017 DCM

Die Grenzen zwischen Galerien und Kino sind immer fließender geworden. Ursprünglich war „Manifesto“ für große Kunstausstellungen in Museen geplant, wo in einem riesigen Saal auf 13 Leinwänden kurze Filme in unterschiedlichen Settings vor allem eins zeigten: Cate Blanchett. Die australische Oscarpreisträgerin schlüpfte in die unterschiedlichsten Rollen, von einer Nachrichtensprecherin, über einen Obdachlosen, eine Börsenmaklerin, eine Trauerrednerin, eine Punkerin, eine Wissenschaftlerin, bis zu einer Lehrerin. Von der Pop-Art bis zum Dogma 95: die Manifeste verschiedener Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts werden durch die verschiedenen Rollen verkörpert. “Manifesto“ greift auf die Texte von Futuristen, Dadaisten, Fluxus-Künstlern, Situationisten und anderer Künstlergruppen zurück, ebenso wie auf die Überlegungen einzelner Künstler, Architekten, Tänzer und Filmemacher. Julian Rosefeldt hat die Manifeste in brillanten Collagen zusammengefügt und so die Ideen von Claes Oldenburg, Yvonne Rainer, Kasimir Malevich, André Breton, Jim Jarmusch, Sol LeWitt und vielen mehr miteinander verbunden. In jedem Fall ist dieser Film ein ganz ungewöhnliches Erlebnis, ein Experiment, das vor allem dann beeindruckt, wenn man Lust hat, die Wandelbarkeit von Cate Blanchett in kurzen 95 Minuten vorgeführt zu bekommen.

Mo. 11.12.2017 / 20:00

FÉLICITÉ

Ein starkes Sozialdrama und das Porträt einer Kämpferin die zur madonnenhaften Ikone wird.

© 2016 GRANDFILM Copyright

Félicité ist Sängerin und tritt jeden Abend in einer Bar in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) auf. Sie ist eine Frau in der Mitte ihres Lebens, stolz und unabhängig, doch sobald sie singt, scheint sie die Welt um sich herum zu vergessen. Mit ihrer Musik hypnotisiert und bewegt sie ihr Publikum. Als ihr Sohn nach einem schweren Unfall im Krankenhaus liegt und dringend operiert werden muss, versucht Félicité, das dafür nötige Geld aufzutreiben. Sie begibt sich auf eine atemlose Reise durch die kongolesische Metropole zwischen großer Armut und dekadentem Reichtum. Bei den Internationalen Filmfestspielen 2017 in Berlin erhielt der Film den Großen Preis der Jury.

Di. 05.12.2017 / 20:00

SAGE FEMME / EIN KUSS VON BÉATRICE Cinéma français /OmU

Eines der Highlights des französischen Kinojahres.

© 2017 Universum

Claire, alleinerziehende Mutter eines erwachsenen Sohnes, ist Hebamme und geht ganz in ihrem Beruf auf. Doch nun soll die Entbindungsstation, auf der sie arbeitet, geschlossen werden. Das Stellenangebot einer größeren Klinik lehnt sie ab: die Methoden dort entsprechen nicht ihren Vorstellungen von Geburtshilfe. Mitten in diese turbulente Zeit platzt ein Anruf, der Erinnerungen an ihre Jugend weckt. Béatrice, die ehemalige Geliebte ihres Vaters, bittet Claire um ein Treffen. Béatrice ist Bohème pur – bunt, laut, egoistisch und ganz anders als die zielstrebige, hilfsbereite Claire. Die fragt sich, warum Béatrice nach all den Jahren der völligen Zurückgezogenheit ausgerechnet sie um Hilfe bittet, und verhält sich zunächst einmal reserviert. Der Regisseur Martin Provost hat sich mit sehr eindringlichen Frauenporträts (Séraphine, Violette) einen Namen gemacht. Im Mittelpunkt dieses Films steht das Wiedersehen zweier eigenwilliger Frauen, absolut perfekt besetzt mit zwei Grandes Dames des französischen Kinos. Ein komödiantisches Drama um die Notwendigkeit von Veränderung und um die Frage, ob Steak mit Pommes frites und Rotwein zum Mittagessen tatsächlich gesundheitsfördernd sind.

Mo. 04.12.2017 / 20:00

HAPPY END

Eine Dynastie im Untergang.

© 2017 X Verleih

Näher an einer Farce war Michael Haneke, Meisterregisseur der Abgründe, mit seinen Dramen vom Zerfall des europäischen Bürgertums nie als nun bei „Happy End“. Man muss diesen Film aber nicht nur als Farce verstehen, dazu sind die Personen viel zu komplex und intim gezeichnet. Wenn man sich trauen würde, könnte man aber angesichts des dargestellten Grauens auch in Gelächter über die Menschen unserer Zeit ausbrechen: ein Unglück, das ausgelöst wird, weil jemand zur Unzeit auf ein Dixi-Klo geht, ein Meerschweinchen, das mit Antidepressiva gefüttert wird, eine Familie, in der der Selbstmordversuch zum bevorzugten Kommunikationsmittel wird. In Calais kämpft die Unternehmerdynastie Laurent ums Überleben von Firma und Familie. Noch residiert man stilvoll in der Villa mit nordafrikanischem Personal und einem Rest großbürgerlicher Contenance. Doch die Welt der Laurents ist dem Untergang geweiht – und ihr Vergehen schert den Rest der Welt kein bisschen. Vermutlich lässt man den alten, dynastischen Kapitalismus, die bürgerliche Gesellschaft, Europa und natürlich das ganze Abendland teilnahmslos zugrunde gehen. „Happy End“ ist jedoch kein Film katastrophischer Engführung. Immer wieder gibt es Verweise, Andeutungen und Assoziationen in dieser Familienaufstellung – man könnte es eher als ein “Spiel“ betrachten. All das und der ungewohnte Raum, den wie immer die traumhafte Beziehung zwischen Regie und dem prominenten Schauspiel-Ensemble gewährt, gibt dem Film sogar eine überraschende Leichtigkeit.

So. 03.12.2017 / 11:00

MAUDIE

Aus dem Leben der kanadischen Folk-Malerin Maud Lewis.

© Photo by Duncan Deyoung, Courtesy of Mongrel Media

Standing Ovations bei der Berlinale 2017, Publikumsfavorit beim letzten Fünf Seen Filmfestival. Ein Film über eine ungewöhnliche, merkwürdig spröde Liebe, die in der kargen Landschaft an Kanadas Atlantikküste dann doch irgendwie zum Erblühen kommt. Seit ihrer Kindheit leidet Maud unter einer schweren Form der Arthritis, die fast jede Bewegung zur Qual werden lässt. Als ihr Bruder das Elternhaus verkauft, muss sie zu ihrer Tante in Nova Scotia ziehen. Maud fühlt sich dort sehr einsam, doch voller Lebenswillen. Sie nimmt das Angebot als Haushälterin bei dem mürrischen Everett an, der weiter draußen in einer Holzhütte lebt. Bald teilen sich die beiden ihren Alltag, kommen einander zögerlich näher und heiraten schließlich. Maudes Leidenschaft ist die Malerei. Sie beginnt ihr Heim mit ihren Bildern zu verschönern und wird nach und nach zu einer kanadischen Berühmtheit. Ihre Postkartenmotive und die kleinen Leinwände mit farbenprächtigen Motiven gelangen bis nach New York und Washington. Irgendwann erfüllen diese auch den wortkargen Everett mit Stolz. Was „Maudie“ erzählt ist eine ungewöhnliche, zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen kaum in der Lage sind, ihre Emotionen zu verbalisieren. Maud aber bewahrt sich durch die Malerei eine gewisse Unschuld und trotz ihrer Krankheit einen optimistischen Blick auf das Leben und die Welt.