ARCHIV FÜR Februar 2015

Di. 24.02.2015 / 20:00

DEINE SCHÖNHEIT IST NICHTS WERT VHS / Türkisch+Deutsch

Ein Drama von herzergreifender Qualität

Der zwölfjährige Veysel, halb Kurde, halb Türke, ist mit seiner Familie nach Wien geflüchtet und muss dort von Null beginnen. Seine dürftigen Sprachkenntnisse machen ihn schnell zum Außenseiter und Problemschüler. Auch zuhause läuft es für den Jungen nicht gut: Sein älterer Bruder und sein Vater liefern sich fast täglich heftige Streitereien. Veysels einziger Lichtblick ist seine Mitschülerin Ana mit ebenfalls migrantischer Herkunft, in die er heimlich verliebt ist. Um Ana zu imponieren will er ein bekanntes türkisches Gedicht (“Deine Schönheit ist nichts wert“) seines Namensgebers  Asik Veysel auf Deutsch vortragen. Doch dann entwickelt sich alles anders als erwartet. Der wunderbare Film gewann 2014 in vier Kategorien den Österreichischen Filmpreis:  Bester Spielfilm, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste Musik.

Mo. 23.02.2015 / 20:00

THE CUT

Ein Filmepos von Fatih Akin über das Überleben im armenischen Genozid

Mardin, 1915. Der Armenier Nazaret Manoogian lebt mit seiner Frau und seinen Zwillingstöchtern im türkischen Teil des Osmanischen Reiches. Eines Nachts wird der junge Kupferschmied gewalttätig von seiner Familie getrennt und in die Wüste entführt, wo er Zwangsarbeiten für die Türken verrichten muss. Als der Befehl erfolgt, alle Armenier zu töten, überlebt Nazaret durch mehrere glückliche Umstände. Fortan befindet er sich wie viele Armenier auf der Flucht ohne Ziel. Er verliert alles, was er hat: seine Familie, sein Zuhause, seine Sprache. Im Libanon erfährt er in einem Waisenhaus, dass seine Zwillingstöchter den Völkermord überlebt haben. Von unendlicher Liebe und Sehnsucht angetrieben macht er sich auf eine rastlose Suche nach ihnen. Die Spur führt ihn über Havanna auf Kuba bis zu den Prärien North Dakotas. Dass  Fatih Akin, der Hamburger, seine Wurzeln im Volk der Täter hat -  war das mal ein Thema? „Überhaupt nie“ sagt der Armenier Mardik Martin, ein bekannter amerikanischer Drehbuchautor und Berater von Fatih Akin. „Bei diesem Film war er Armenier. Er war sogar armenischer als ich. Er ist geradezu besessen von der Wahrheit und hat den Historikern Löcher in den Bauch gefragt, und das, was er herausfand,  hat er in diesen Film gepackt. Ganz ohne Politik. Eine Geschichte des Überlebens.“

Mo. 16.02.2015 / 20:00

ZWEI TAGE, EINE NACHT

Das Kino der Dardenne-Brüder weiß um die zweifelhafte Natur des Menschen

Am Ende sind die großen Themen verhandelt worden, die Entsolidarisierung unserer Gesellschaft, die Verwandlung der Welt in ein einziges großes Gewerbegebiet – und doch wird es sich wie eine einfache Geschichte anfühlen, die uns Jean-Pierre und Luc Dardenne erzählen: Die junge Mutter Sandra (gespielt von der großartigen Marion Cotillard) ist entlassen worden; der Chef hatte ihre sechzehn Kollegen vor die Wahl gestellt – eine Prämie von 1.000 Euro für jeden, oder Sandra darf bleiben. Bis auf zwei haben alle das Geld gewählt, aber Sandra bewirkt eine neue Abstimmung. Nun bleiben ihr zwei Tage und eine Nacht, um für ihren Job zu kämpfen. Geld oder Solidarität – diese simple Frage öffnet ein weites Feld des Menschlichen: Sandra sucht jeden ihrer Kollegen persönlich auf, bittet sehr zurückhaltend das Votum zu überdenken, überredet kaum. Und sie erlebt aggressive Zurückweisung, feiges Verleugnen, aber auch Gewissensbisse und eine tränenreiche Entschuldigung. Ihr Fall wird zum Test für die Menschlichkeit dieser Belegschaft und eines Wirtschafts- und Wertesystems, das seinen Mitgliedern eine solche Wahl aufzwingt. Ein globales Netz von Waren und Wettbewerb, in dem wir in allen Ländern, allen Schichten, allen sozialen Gruppen und Milieus verstrickt sind. Wie schon in ihren Filmen “Das Kind“ und “Der Junge mit dem Fahrrad“ geben die Dardennes dieser Realität abermals ein Gesicht und eine Stimme.

So. 15.02.2015 / 11:00

DAS GROSSE MUSEUM

Ein faszinierender Blick hinter die Kulissen des Kunsthistorischen Museums in Wien

Gerne folgt man der Kamera auf ihren Streifzügen durch die prachtvollen Räume und  reich gefüllten Magazine, hört den Ausstellungskuratoren zu und verweilt fasziniert bei den Restauratoren. Um heutzutage die hehren Aufgaben eines bedeutenden Museums zu vermitteln – Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln – zu erfüllen, ist exzellentes Management erforderlich. Dabei zu sein macht großen Spaß!

Mo. 09.02.2015 / 20:00

IDA

Gewinner des “Europäischen Filmpreises LUX“ 2014

Der polnisch-dänische Spielfilm des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski erzählt von der doppelten Reise der jungen Novizin Anna zu ihrer Vergangenheit und durch das Polen der 1960er Jahre und handelt vom Spannungsfeld zwischen Sozialismus, Antisemitismus und Katholizismus. Die Novizin Anna, die früher Ida hieß, bereitet sich auf ihr Gelübde vor. Sie ist bis zu diesem Zeitpunkt in einem Waisenhaus aufgewachsen. Auf Bitten der Oberin soll sie vor dem Gelübde noch einmal ihre Tante Wanda, ihre letzte Verwandte, besuchen. Die Tante war nach dem Zweiten Weltkrieg als „Rote Wanda“ eine unerbittliche Richterin. Bei Annas Besuch konfrontiert die Tante sie mit ihrer Vergangenheit: Anna ist die geborene Jüdin Ida Lebenstein und ihre Eltern fielen dem Holocaust zum Opfer. Auf der Suche nach dem Grab der Eltern begeben sich die beiden Frauen auf eine Reise durch Polen, die das Leben der beiden Frauen tiefgreifend verändert. In diesem stillen, leuchtenden Film ist viel von Lebenshunger zu spüren – und ebenso viel von der Verzweiflung, die darunter liegt.

Mi. 04.02.2015 / 20:00

EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH

“Goldener Löwe“ auf dem Film Festival Venedig 2014

Sam und Jonathan sind zwei glücklose und etwas kummervolle Vertreter für Scherzartikel. Als Handlungsreisende sind sie in wichtiger Mission unterwegs: sie wollen der Welt helfen, Spaß zu haben und haben sich auf die Klassiker unter den Kuriositäten spezialisiert wie Monstermasken, Vampirzähne, Lachsäcke. Weil das Verkaufen eine grässliche Angelegenheit ist, suchen sie nach der richtigen Präsentationsstrategie. Denn Freude zu verbreiten in einer recht fahlen Welt ist schwer. Doch verkaufen müssen sie den Spaß, denn das Verkäuferduo ist in finanziellen Nöten. Mit der Träne im Gesicht und dem Lachsack im Vertreterkoffer gehen sie auf eine phantastische Reise durch Räume der Geschichte und finden sich in märchenhaften Erinnerungen wieder – an verliebte Könige, getauschte Küsse und gurrende Tauben. Es ist eine Reise durch Menschliches und Allzumenschliches. Eine Reise in grandiosen Sketchen, die die Schönheit eines einzelnen Moments offenbaren, aber auch die Verlorenheit anderer, den Humor und die Tragik, die in uns wohnen, die ganze Pracht des Lebens und die unvermeidliche Schwäche der Menschen. Mit einem Humor zwischen Loriot und Samuel Becket beschenkt uns der schwedische Meisterregisseur Ray Anderson mit einem einzigartigen Kinoerlebnis.

Di. 03.02.2015 / 20:00

WINTERSCHLAF

“Goldene Palme“ auf dem Film Festival Cannes 2014

Der Protagonist von WINTERSCHLAF ist der ehemalige Schauspieler Aydim, der in anatolischen Provinz ein Hotel führt, Kolumnen für die Lokalzeitung schreibt und seit langer Zeit ein Buch über die Geschichte des türkischen Theaters plant, ohne je einen Satz davon geschrieben zu haben. Er ist wohlhabend und gebildet, behandelt aber seine Umgebung herablassend und belehrend. Aydim ist zu sehr von sich eingenommen, um zu bemerken, dass er damit auf große Ablehnung stößt. Der Konflikt mit einer in Not geratenen Familie, die die Miete für eins von Aydims Häusern nicht mehr aufbringen kann, interessiert ihn nur soweit, als dass er ihn zu philosophischen Abhandlungen über Armut, Kultur und Moral anregt. Den Versuch seiner jungen Frau und seiner Schwester, sich in der Nachbarschaft wohltätig zu engagieren, macht er mit Wortgefechten über Schuld und Gerechtigkeit zunichte.  Doch mit dem einsetzenden Winter treten die Konflikte in seinem Umfeld so offen zutage, dass Aydim die Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit in einem inneren Dialog zu erkennen beginnt. WINTERSCHLAF ist unmissverständlich ein Plädoyer für den intellektuellen und politischen Aufbruch aus der inneren Emanzipation in der Türkei und ein fesselndes Filmdrama über Machtmissbrauch und Verantwortung.

Mo. 02.02.2015 / 20:00

FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAGE

“Goldener Bär“ für den besten Film auf der Berlinale 2014

In einer Kleinstadt in China werden in mehreren Kohleanlagen Leichenteile entdeckt. Bei dem Versuch, einen Verdächtigen festzunehmen, werden zwei Polizisten getötet, ein weiterer, Zhang Zill, überlebt schwer verletzt. Nach seiner Suspendierung tritt er einen Job als Sicherheitskraft an. Sein Leben gerät aus den Fugen, er beginnt zu trinken. Nachdem sich eine weitere neue Mordserie ereignet, beginnt Zhang zusammen mit einem früheren Kollegen den mysteriösen Vorgängen auf eigene Faust auf den Grund zu gehen. Er entdeckt, dass  alle Opfer in Beziehung zu einer jungen Frau standen und sucht die Nähe dieser geheimnisvollen Frau. Wohl wissend, wie alle Männer in ihrer Nähe endeten. Ein chinesischer Film Noir von großer Faszination: Obsession und Mord flackern in Widerschein einer Industriekultur, die das Kino bisher nicht erforscht hat. Der Regisseur interessiert sich für soziale Strukturen und Realitäten, auch für kleine Alltagsbeobachtungen am Rande, und er hat einen schönen absurden Humor. Der “Goldene Bär“ für den besten Film war wohlverdient. Ebenso der “Silberne Bär“ für den großartigen Hauptdarsteller Liao Fan.