ARCHIV FÜR Februar 2016

Mo. 29.02.2016 / 20:00

DIE DUNKLE SEITE DES MONDES

Literaturverfilmung nach dem Bestseller von Martin Suter

Ein Drama in der Frankfurter Finanzwelt, gleichzeitig die Suche eines Mannes am erfolgreichsten Punkt seiner Karriere nach sich selbst. Urs Blank ist ein überaus erfolgreicher Wirtschaftsanwalt. Der Selbstmord eines Geschäftspartners in seinem Büro vor seinen Augen wirft ihn aus der Bahn. Er stellt sein bisheriges Leben in Frage und trifft auf Lucille, die ihm mit ihrem alternativen Lebensstil ganz neue Welt eröffnet – und ihn zu einem Trip mit halluzinogenen Pilzen überredet. Mit schweren Folgen für Blank, denn nach dem Trip verändert sich seine Persönlichkeit und bringt seine dunkle Seite zum Vorschein. Der zivilisierte Anwalt wird zu einem instinktgetriebenen Individuum. Zutiefst verunsichert von seiner Wandlung flüchtet Blank aus seinem alten leben in den Wald, um dort nach einem Gegenmittel für den missglückten  Pilztrip zu suchen. Urs Blank wird zum Gejagten – und sein Kampf um seine Rückkehr in die Zivilisation zum Wettlauf um sein Leben…

Di. 23.02.2016 / 20:00

IRRATIONAL MAN

English Cinema / VHS OmU - Der neueste “Woody Allen“ zu seinem 80sten Geburtstag

Mord als Mittel zur Impotenz: Woody Allen lässt in seiner „hübschen“ Komödie einen versoffenen Philosophieprofessor auf den Campus und die Frauenwelt los. Auf manche Dinge ist einfach Verlass. Auf den jährlichen Film von Woody Allen (seinem 46-sten!) zum Beispiel, der ebenso zuverlässig von Männern in Lebenskrisen und sehr schönen, sehr jungen Frauen erzählt. “Irrational Man“ fügt sich geschmeidig und sehr unterhaltsam in sein bisheriges Filmuniversum ein. Es geht um den perfekten Mord, verübt um einen schlechten Menschen aus dem Weg zu schaffen. Joaquin Phoenix spielt den zweifelhaften Helden, Philosophieprofessor mit Bierbauch und auch im Kopf nicht in bester Form. Schon die Eröffnungssequenz bringt ihn zusammen mit der fabelhaft gut aussehenden Studentin, dargestellt von Emma Stone. Aber gegen die physischen Probleme helfen dem Professor und seiner Studentin weder Kierkegaard noch Kant. Erst ein Mord, den Allen keineswegs verharmlost, vitalisiert auf schauerliche Weise ihr Liebesleben.

Mo. 22.02.2016 / 20:00

STEVE JOBS

Ein Psychodrama über den Computervisionär mit menschlichen Schwächen

Steve Jobs ist das Gegenteil eines klassischen Filmhelden – und gerade deshalb ein großer Kinostoff. Er wusste, was eine perfekte Performance wert ist und war der Popstar unter den Hackern und späteren Managern der elektronischen Revolution. Der Mitbegründer und langjährige Frontmann des Apple-Konzerns inszenierte präzise Bühnenshows und in alle Welt gesendete Live-Events. Wer nun glaubt, STEVE JOBS sei eine langweilige Dokumentation, die sich durch Wiederholung und Glorifizierung von Technikprodukten an das Lebenswerk eines milliardenschweren Unternehmers heranwanzt, liegt völlig falsch. Der zweistündige Film ist schlichtweg großartig, ein Thriller-ähnliches Psychodrama über Genie und Wahnsinn, Kommunikation und Dysfunktion, Zukunftsdenken und Realitätsverlust. Die beiden Oscar-Preisträger Danny Boyle (Regie) und Aaron Sorkin (Drehbuch) inszenieren das Porträt von Steve Jobs als komprimiertes Kammerspiel mit Figuren, die sich immer wieder begegnen, miteinander streiten, manipulieren und dirigieren. „Als würden sich alle vor jeder Präsentation betrinken“ sagt Steve Jobs, gespielt von dem überragenden Michael Fassbender. Mit verschiedenen Kameratechniken gedreht, mit passender Retro-Musik ausgestattet und einem fulminanten Ensemble belegt, ist dieser Film ein großes Ereignis.

So. 21.02.2016 / 20:00

MADAME BOVARY

Gustave Flauberts berühmte Romangestalt erwacht zu neuem Leben

Als verwöhnte Kindfrau, als eine junge Frau, die mehr vom Leben will, als ihr die Gesellschaft zusteht, erleben wir Emma Bovary. Das ist gleichermaßen nah an der Romanvorlage und öffnet doch einen interessanten Blick auf die Gegenwart. Allein mit ihrem Vater wächst Emma auf und wird schon in jungen Jahren mit dem Landarzt  Charles Bovary verheiratet. Eine arrangierte Heirat zwar, doch eine verhältnismäßig angenehme, hat Charles doch ein gutes Einkommen und ist in seiner Gemeinde eine geschätzte Person. Doch Emma will mehr. Ihre Hoffnungen an das Eheleben erfüllen sich nicht. Sie flüchtet sich in den Luxus, mit dem ihr ein umtriebiger Händler das mondäne Paris zu einem überzogenen Preis ins Haus bringt. Immer größere Schulden macht Emma, um den Männern zu gefallen, die sie umschwirren. Doch während Emma auf einen Ausweg aus ihrem kleinen Leben hofft, ist sie für die Männer nicht mehr als ein angenehmer Zeitvertreib. Die einzige Möglichkeit zur Flucht ist angesichts von unermesslichen Schulden und dem unausweichlichen sozialen Abstieg nur der Freitod. Heutzutage ist die westliche Gesellschaft zwar theoretisch durchlässig, doch das Versprechen eines Lebens in Luxus ist oft nicht mehr als ein Versprechen, das meist unerfüllt bleibt.

So. 21.02.2016 / 11:00

DER PERLMUTTKNOPF

Ein preisgekröntes Film-Essay von Patricio Guzmán

Der Ozean enthält die gesamte Menschheitsgeschichte. Das Meer fängt alle Stimmen der Erde auf und auch die aus dem Weltraum. Das Wasser erhält Impulse von den Sternen und überträgt sie auf lebende Organismen. Wasser, das den größten Teil der Landesgrenzen Chiles ausmacht, birgt auch das Geheimnis von Perlmuttknöpfen, die auf dem Meeresgrund gefunden wurden. Perlmuttknöpfe von Gefangenen und Ermordeten der Chilenischen Lager aus der Pinochet-Zeit. Diese nicht aufgearbeitete Zeit der Diktatur ist das Leitthema des Regisseurs: Eine ungesühnte Schuld nicht nur aller Chilenen, sondern der ganzen Welt. Erst spät hat man herausgefunden, dass das Pinochet-Regime die Leichen ermordeter Dissidenten im Pazifik verschwinden ließ. Die Körper wurden an ausrangierte Eisenbahnschienen gebunden, um auf den Meeresboden zu sinken. Und an einem dieser mittlerweile verrotteten Schienenstücke fand man einen Perlmuttknopf, das einzige Zeichen dafür, dass ein Mensch von der Eisenstange mit in die Tiefen gezogen wurde. Der Geschichte der Folter, des Verschwindens und der Vernichtung setzt der Film allerdings etwas Lebendiges und Positives entgegen: Immer wieder betont der Regisseur als Off-Sprecher das Verhältnis von Wasser und Leben und betont, wie wichtig das Wasser für das Leben sei. Genauso verhält es sich mit der Vergangenheit – sie gehört unabdinglich zum gegenwärtigen Leben.

Mo. 15.02.2016 / 20:00

YOUTH / EWIGE JUGEND

Visuell berauschend: Leben, Liebe und die Last des Alters

Je mehr Filme Paolo Sorrentino dreht, umso deutlicher wird seine Stellung als Regisseur in der Nachfolge des europäischen Autorenkinos der 1950er- und 1960er- Jahre. Nicht als stilistischer Epigone von Antonioni, Fellini und Co., sondern mit einer Haltung, die verdeutlicht, dass man Autorenkino mit intellektuellem und ästhetischem Anspruch sowie zugkräftigen Stars unbedingt auch für das große Publikum denken kann. In seinem neuen Film schickt Sorrentino zwei alte Freunde, einen Komponisten und Dirigenten (Michael Caine) und einen Filmregisseur (Harvey Keitel) in ein Hotel-Sanatorium in der Schweiz, wo sie über das Pinkeln, die Erinnerungen und das Älterwerden philosophieren und in tragikomischen Begegnungen mit der Realität, den Trug- und Traumbildern von Jugend, sowie den eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert werden. Das ist bewegend gespielt und überragend inszeniert, gibt allen Anlass zum Nachdenken und ist eine ästhetische Freude. Im Dezember 2015 erhielt der Film beim Europäischen Filmpreis die wichtigsten Preise: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Beste Nebendarstellerin!

Mo. 08.02.2016 / 20:00

EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH

“Goldener Löwe“ auf dem Film Festival Venedig 2014

Sam und Jonathan sind zwei glücklose und etwas kummervolle Vertreter für Scherzartikel. Als Handlungsreisende sind sie in wichtiger Mission unterwegs: sie wollen der Welt helfen, Spaß zu haben und haben sich auf die Klassiker unter den Kuriositäten spezialisiert wie Monstermasken, Vampirzähne, Lachsäcke. Weil das Verkaufen eine grässliche Angelegenheit ist, suchen sie nach der richtigen Präsentationsstrategie. Denn Freude zu verbreiten in einer recht fahlen Welt ist schwer. Doch verkaufen müssen sie den Spaß, denn das Verkäuferduo ist in finanziellen Nöten. Mit der Träne im Gesicht und dem Lachsack im Vertreterkoffer gehen sie auf eine phantastische Reise durch Räume der Geschichte und finden sich in märchenhaften Erinnerungen wieder – an verliebte Könige, getauschte Küsse und gurrende Tauben. Es ist eine Reise durch Menschliches und Allzumenschliches. Eine Reise in grandiosen Sketchen, die die Schönheit eines einzelnen Moments offenbaren, aber auch die Verlorenheit anderer, den Humor und die Tragik, die in uns wohnen, die ganze Pracht des Lebens und die unvermeidliche Schwäche der Menschen. Mit einem Humor zwischen Loriot und Samuel Becket beschenkt uns der schwedische Meisterregisseur Ray Anderson mit einem einzigartigen Kinoerlebnis.

Mo. 01.02.2016 / 20:00

DHEEPAN / DÄMONEN UND WUNDER

Gewinner der “Goldene Palme“ in Cannes 2015

Der tamilische Rebell Dheepan wird nach misslungener Revolution zum Flüchtling und wagt einen Neuanfang in einer Pariser Vorstadt. Es ist nicht nur ein Flüchtlingsdrama, sondern auch Liebesgeschichte und Thriller. Drei Flüchtlinge aus Sri Lanka kommen nach Frankreich und wohnen in der Pariser Banlieue. Die Hauptperson kämpfte früher bei den “Tamil Tigers“ und hat im Bürgerkrieg Frau und Kind verloren. Um der grausamen Situation in seiner Heimat zu entfliehen, ist er mit einer fremden Frau und einem Kind als vorgebliche Kleinfamilie nach Europa gereist. In Paris werden sie Zeugen heftiger Auseinandersetzungen im Drogenmilieu. Dheepan versucht, seine neue Familie zu beschützen und wird zum Amokläufer. Die Kritik bezeichnete den Film über die Darstellung der Erfahrung und Integration von Immigranten als polemisch, jedoch nicht belehrend. Die Botschaft über Menschlichkeit und darüber, wie Liebe unter den erstaunlichsten Umständen blühen kann, berührt außerordentlich. Auch in Situationen der Ausweglosigkeit gibt es lichte Momente der Hoffnung auf Wunder und Erlösung.