ARCHIV FÜR März 2013

Fr. 29.03.2013 / 20:00

stille seelen

Ein russisches Roadmovie voller Poesie und Sinnlichkeit

Als Miron seine Frau Tanja verliert, lässt die Trauer alte Erinnerungen an seine Eltern und seine Herkunft aufkommen. Um sich seiner Identität zu versichern beschließt er, Tanjas Körper an einem weit entfernten Ort am Ufer des Flusses zu verbrennen, an dem sie miteinander glücklich waren. Dazu braucht er die Hilfe ihres gemeinsamen Freundes Aist. Eine Reise mit der Erinnerung an Tanja beginnt, eine Suche nach einer neuen Heimat. Im Land dieser Flussmenschen gibt es nur zwei Götter: den Fluss und die Liebe. Verhaltene Dialoge und Off-Kommentare voller Lyrik und Geheimnis, dazu eine wunderbar unaufdringlich die Natur und das soziale Umfeld einfangende Kamera, und nicht zuletzt die beiden Hauptdarsteller geben der Ballade eine ungemeine Kraft. Der ganze Film atmet die Schönheit eines surrealistischen Gedichts und strahlt einen tiefen Frieden aus. Er erhielt in Venedig 2011 den Preis der Internationalen Filmkritik und für die beste Kamera.

Mo. 18.03.2013 / 20:00

PIETÀ

Liebe, so kalt wie der Tod

In seinem starken Passionsfilm entfaltet der südkoreanische Regisseur Kim Ki Duk eine grausame Liturgie der Rache. Kang  Do, ein junger Mann, leistet sich nur selten Gefühle. Er hat einen miesen Job, ist Schuldeneintreiber für einen kleinen Kreditgangster. Die meiste Zeit ist er unterwegs in den engen Gassen eines alten Stadtviertels in Seoul, um bei den letzten kleinen Handwerkern eiskalt die Beträge einzutreiben, die sich innerhalb weniger Wochen durch zu hohe Zinssätze brutal vervielfacht haben. Wenn die jämmerlichen Typen nicht zahlen können, steckt er ihnen die Hand in den Schraubstock oder zwingt sie, vom Dach zu springen und sich dabei die Beine zu verstümmeln – so können sie dann wenigstens die Versicherung kassieren. Als eine geheimnisvolle Frau auftaucht und dem sadistischen Kang Do erklärt, sie sei seine Mutter, wird das klassische Pietà-Motiv ganz neu durchkonjungiert. Die Prüfungen des misstrauischen Mannes sind extrem, schockierend und pervers. Er ist als Waisenkind aufgewachsen und hat keine Erinnerungen an seine Eltern. Doch je mehr er ihre demütige Haltung durchhält und sich schließlich zunutze macht, desto mehr ändert sich sein Verhalten bis er hinter ihr dunkles, trauriges Geheimnis kommt. Pietà  war der Gewinnerfilm der Filmfestspiele Venedig 2012!

So. 17.03.2013 / 20:00

Eichmanns Ende (Programmänderung)

Aus lizenzrechtlichen Gründen können wir den ursprünglich geplanten Film HANNAH ARENDT erst am 14.04./20:00 aufführen. Das ist zwar bedauerlich, gibt uns aber die Möglichkeit, den Film tiefgreifender vorzubereiten und alternativ das mehrfach ausgezeichnete Doku-Drama zu zeigen:

EICHMANNS ENDE steht ganz im Zeichen der „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt, jenes Erklärungsmodells, mit der sie die aus der Normalität geborenen Gräueltaten des NS-Funktionärs Eichmann umschrieb, denen keine krankhaften Motive, allenfalls die deutschen Sekundärtugenden zugrunde liegen. Der Film bringt es zu einer enormen erzählerischen Dichte, ein wortgewaltiges Doku-Drama, perfekt montiert ,glänzend gespielt, mehrfach ausgezeichnet.  Eine hervorragende und komplexe Einführung in den Film von Margarethe von Trotta den wir dann im April zeigen werden.

So. 17.03.2013 / 11:00

marina abramovic – the artist is present

Matinee-Vorstellung zur Reihe: Kunst und Künstle

Drei Monate lang, von morgens bis abends still auf einem Holzstuhl sitzen, ständig wechselnden Gegenübern in die Augen sehen, umringt von tausenden Schaulustigen: diese Performance stand im Mittelpunkt der grandiosen Retrospektive, mit der 2010 die serbische Künstlerin Marina Abramovic  im New Yorker Museum of Modern Art geehrt wurde. Auch Regisseur Metthew Akers stellt diese Performance in den Mittelpunkt seiner im Panorama der Berlinale mit dem Publikumspreis ausgezeichneten Dokumentation. Was spielte sich ab, als sie im MoMA 10 Wochen täglich 8 Stunden lang schweigend ihr Publikum fixierte, wurde die Künstlerin gefragt: „Ich habe gelernt, wie man es schafft, damit umzugehen, dass jede einzelne Person, die mir gegenübersitzt, die Energie, die sie spendet, wieder mitnimmt. Ich empfange und gebe weiter. So setzt sich die Energie nicht in mir fest. Trotzdem ist man unglaublich verletzbar. Man sitzt dort wie mit einer offenen Wunde.“ Meditation und Metaphysik: ein Porträt der Künstlerin im Zenit ihres Ruhms.

Di. 12.03.2013 / 20:00

blut muss fliessen – undercover unter nazis

Eine Sonderveranstaltung in Anwesenheit des Regisseurs

Der Dokumentarfilm über das konspirative Milieu von Rechtsrock-Konzerten in Deutschland basiert auf einer neunjährigen verdeckten Filmrecherche auf Nazi-Konzerten des Journalisten Thomas Kuban, welche die extreme Gewaltbereitschaft und wiederholte Volksverhetzung darstellt. Der Titel “Blut muss fließen“ bezieht sich auf den Refrain des zitierten Liedes “Blut“, einer antisemitischen Variante des “Heckerlieds“, welches zum festen Repertoire vieler rechtsextremer Bands gehört und Identitätssymbol der radikalen Kreise ist. Der Film geht auf die Konzertszene, deren Hintergründe und das öffentliche politische Bild ein. Die verdeckten Konzertmitschnitte sind der Hauptteil des Films. Aus der Perspektive einer Knopflochkamera werden Konzerte mit hauptsächlich von zu Gewalt ausrufenden Texten gezeigt. Das Publikum skandiert die Texte mit und unterstützt seinen Ausdruck durch Zeigen des verbotenen Hitlergrußes. Als Rahmenhandlung werden die verdeckten Dreharbeiten und gesellschaftlichen und politischen Hintergründe dokumentiert. Der unter dem Pseudonym arbeitende Thomas Kuban tritt dabei als Protagonist auf, der aber zum eigenen Schutz  nicht erkennbar gezeigt wird. Auf der Berlinale 2012 erhielt der Film den 2. Preis des Alternativen Medienpreises 2012.

Mo. 11.03.2013 / 20:00

der geschmack von rost und Knochen

Die Physik der Befreiung: ein außergewöhnliches Liebesdrama

Es ist eine Liebesgeschichte, die von Anfang an ganz körperlich ist, vom gegenseitigen Begehren geprägt, von Verwundungen und Schmerz. Der Film erzählt, angeregt von Craig Davidsons gleichnamiger Kurzgeschichtensammlung, wie Menschen durch harte Schicksalsschläge menschlicher, vollständiger werden. Es bietet sich hier an, den Inhalt des Films kurz zusammen zu fassen, um den eventuell aufkommenden Kitschverdacht gleich zu zerstreuen: Stéphanie, Dompteurin einer Meeresshow, bekommt bei einem Unfall von einem Orca beide Unterschenkel abgebissen. Durch die Beziehung mit dem Gelegenheitsboxer und Wachmann Ali findet sie jedoch neuen Lebensmut. Es ist das Aufeinandertreffen zweier auf ganz unterschiedliche Weise versehrter Menschen. Ali, das introvertierte Muskelpaket, und die in ihr Leid zurückgezogene Stéphanie sind zwei Schicksalsgenossen, die einander mehr brauchen als sie zunächst geahnt haben. Beglückt schaut man dabei zu, wie aus dem praktischen Nutzen, den die beiden voneinander haben, erst Nähe, dann Vertrauen und dann Liebe wird.