ARCHIV FÜR März 2016

Di. 15.03.2016 / 20:00

LES HÉRITIERS/ DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE

Cinéma Français OmU/ VHS - Eine bewegende Geschichte über Chancen, Integration und Respekt.

Ein Leben im Pulverfass: die 11. Klasse des Pariser Léon-Blum- Gymnasiums ist im wahrsten Wortsinn vielfältig. Doch tummeln sich hier auch viele, die wissen, dass sich der Rest der Welt nicht für sie interessiert. Der junge Muslim Malik, die aggressive Mélanie oder der stille Théo nehmen nicht teil am Wohlstand der Mitte und haben sich damit abgefunden. Das Klassenzimmer ist ihre politische Bühne, hier begegnen sich mit voller Wucht kulturelle und persönliche Konflikte. Etwas zu lernen, scheint reine Zeitverschwendung. Als die engagierte Lehrerin Anne Gueguen die Klasse übernimmt, begegnen ihr selbstbewusster Unwille und große Provokationslust. Doch die kluge Frau versteht es, mit geschickten Fragen die Muster der Jugendlichen zu durchbrechen. Und sie meldet die Klasse bei einem renommierten, nationalen Schülerwettbewerb an. Mit großer Beharrlichkeit gelingt es ihr, die Schüler für eine gemeinsame Aufgabe zu begeistern. Obwohl die meisten sich noch nie mit Geschichte befasst haben, entdecken sie, dass längst vergangene Schicksale auch ihnen viel zu erzählen haben. Es beginnt für sie eine Reise in die Vergangenheit, die sie schließlich zu einer Gemeinschaft macht.

Mo. 14.03.2016 / 20:00

CAROL

Im Bann der Blicke: Nach einem Roman von Patricia Highsmith.

Es ist Faszination auf Anhieb: Zwei Blicke treffen sich in einem geschäftigen New Yorker Kaufhaus – Carol, die Frau aus bester Gesellschaft und Therese, das 19-jährige Mädchen hinter dem Tresen der Kinderabteilung. In seiner Verfilmung von Patricia Highsmiths autobiografisch gefärbtem Roman “Salz und sein Preis“ (den sie unter dem Pseudonym Claire Morgan schrieb) setzt der Regisseur Todd Haynes dem Tempo der modernen Zeit eine betörende Ruhe entgegen, eine Intensität des Blicks, in der den liebenden Energien auch etwas Kriminelles anhaftet. Als Carol in ihrer Verwirrung ihre Handschuhe auf der Verkaufstheke liegen lässt und Therese sie ihr nachschickt, wird Therese in das Haus eingeladen, in dem Carol mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter lebt. Carol und ihr Mann sind in Trennung begriffen. Therese wird Zeugin eines Ehestreits, woraufhin sie wieder heim fährt und Carol einige Tage später in ihre bescheidene Wohnung einlädt. Das „unmoralische“ Leben verdichtet sich immer mehr. Während die selbstbewusste Alphafrau Carol (großartig dargestellt von Cate Blanchett) zunehmend zerbrechlicher wirkt, erwächst ihre junge Partnerin (ebenso überzeugend dargestellt von Rooney Mara) langsam aber sehr sicher vom kleinen Entlein zum stolzen Schwan. DER SPIEGEL schrieb: „Unbedingt einer der besten Filme des vergangenen Jahres, packend und von bezwingender Schönheit“.

Di. 08.03.2016 / 20:00

JANIS JOPLIN: LITTLE GIRL BLUE

Biografie-Doku über die legendäre Rockmusikerin.

Die Rocklegende Janis Joplin führte ein bewegtes Leben in der Counterculture der 1960er Jahre. Wie viele andere begnadete Musiker – etwa Kurt Cobain, Jimi Hendrix, Amy Winehouse – starb sie mit 27 Jahren. Nun hat die amerikanische Regisseurin Amy J. Berg das Leben von Janis Joplin verfilmt. Dabei konzentriert sie sich auf die prägenden Jahre der Musikerin und zeigt intime Einblicke in das Privatleben, die bisher nicht veröffentlich wurden. Die Regisseurin beschreibt, wie aus der schüchternen Außenseiterin, die in einer Kleinstadt in Texas lebte, eine der größten der Flower-Power-Generation wurde. Nach ihrem High-School-Abschluss mit 17 Jahren zog Janis Joplin nach Kalifornien. Dort lebte sie nicht nur ihre freie Sexualität mit Männern und Frauen aus, sie legte auch den Grundstein für ihre musikalische Karriere. Mit Hits wie „Me and Bobby McGee“ oder „Piece of My Heart“ wurde Janis Joplin gefeiert und als Rockröhre mit Reibestimme bekannt, die bei ihren energiegeladenen Bühnenauftritten alles gab. Sie hatte aber auch eine sehr sanfte und sensible Seite. Cat Power liest aus persönlichen Briefen, die sie an ihre Liebsten schrieb. Durch Interviews mit Freunden, Geschwistern und Musikerkollegen sowie Archivaufnahmen ihrer Auftritte wird das komplexe Porträt einer legendären Künstlerin vervollständigt, die auch ihre Abgründe hatte. Schon früh heroinabhängig starb sie schließlich 1970 in Los Angeles an einer Überdosis.

Mo. 07.03.2016 / 20:00

MACBETH

Ein bildgewaltiges Filmdrama nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare.

William Shakespeare ist der mit Abstand meist verfilmte Autor der Geschichte. Es gibt mehrere Hundert Filmadaptionen seiner Bühnenstücke, allein „Hamlet“ wurde  74 Mal verfilmt. Die Faszination für Shakespeare ist ungebrochen. „Macbeth“ ist dafür nur das jüngste Beispiel und nebenbei auch schon die 15. Verfilmung der berühmten Tragödie. Welche Variante (nach z.B. Orson Welles, Akira Kurosawa, Roman Polanski) kann da jetzt noch kommen? Der Film von Regisseur Justin Kurzel mit Michael Fassbender und Marion Cotillard als Macbeth und Lady Macbeth in den Hauptrollen mutet zunächst fast klassisch an. Nicht nur belässt er die Geschichte wie in dem 1623 entstandenen Stück im 11. Jahrhundert. Auch die Schauspieler rezitieren oft Shakespeares Originaldialoge. Aber bereits die ersten Bilder machen deutlich: Kurzels „Macbeth“ wird schwere Kost. Da stehen der schottische Fürst und seine Frau in der verregneten, sturmgepeitschten Landschaft und tragen ihr Kind zu Grabe. Es wird ein Gefühl der Historizität des Stoffes hergestellt – man hat das Leben des Mittelalters realistisch vor Augen. Das ist ein spannender Aspekt der Neuverfilmung, zumal auch versucht wird, die Gier nach Macht, die Macbeth und seine Frau ins Verderben reißt, als Folgen psychischer Verheerungen darzustellen. Macbeth wird zu einem grausamen Tyrannen, der vor keinem Mord zurückschreckt, um seine Macht zu festigen. Während seiner blutigen Regentschaft verfallen er und Lady Macbeth, die sich am Ende aus Schuldgefühlen das Leben nimmt, immer mehr dem Wahnsinn. Zum Schluss sitzt Macbeth infantil auf dem Boden und spielt mit dem Schwert. Die Krone, von der er träumte, wollte nicht passen.

Di. 01.03.2016 / 20:00

LE HAVRE

Aki Kaurismäkis großartiger Film zum Flüchtlingsthema.

Der Film des Chef-Melancholikers Kaurismäki von 2011 ist eine sensible Auseinandersetzung mit dem Flüchtlingsproblem ohne Betroffenheitsrhetorik. Zweierlei beflügelt „Le Havre“ entscheidend: Kaurismäkis Liebe zum klassischen französischen Kino, dem er zahlreiche Reminiszenzen widmet – und sein politischer Zorn über die demütigende Behandlung der afrikanischen Flüchtlinge. „Das größte aller Probleme Europas in diesen Jahren ist die Flüchtlingsfrage“ erklärte er bereits 2011während der Premiere in Cannes. Die Tragikomödie spielt in der titelgebenden französischen Hafenstadt. Marcel, ein ehemaliger Literat ist nach erfolglosen Jahren nach Le Havre gezogen und verdient sich seinen Lebensunterhalt als Schuhputzer und glaubt, der Gesellschaft auf diese Weise besser dienen zu können. Er lebt zusammen mit seiner liebevollen Ehefrau Arletty und der Hündin Laïka in einem kleinen Hinterhaus. Regelmäßig sucht er in der Hafengegend seine Stammkneipe auf. Eines Tages trifft er während seiner Mittagspause zufällig auf Idrissa, der sich unter dem Pier im Wasser verschanzt hat. Der Junge aus Gabun ist illegal, in einem Container versteckt, nach Frankreich eingereist und vor den Behörden geflüchtet. Bei Marcel, Arletty und Laïka findet er Unterschlupf. Trotz vieler Widerstände hilft Marcel – unterstützt von seiner solidarischen Nachbarschaft – Idrissa dabei, nach London zu gelangen, wo seine Mutter lebt. In dem Jubel, mit dem „Le Havre“ bei seiner Uraufführung begrüßt wurde, war die Erleichterung zu spüren, einen der Großen des Autorenkinos wieder im Vollbesitz seiner Magie zu sehen.