ARCHIV FÜR November 2017

Mo. 27.11.2017 / 20:00

WEIT – DIE GESCHICHTE VON EINEM WEG UM DIE WELT

Dreieinhalb Jahre trampten Gwen Weisser und Patrick Allgaier rund um den Globus.

© 2017 Weit GbR

Während wieder Zäune gezogen und sogar über Mauern diskutiert wird, machen Gwen Weisser und Patrick Allgaier vor, wie spielerisch leicht sich kulturelle Grenzen überwinden lassen, wenn man dazu bereit ist. Sie zogen im Frühling 2013 von Freiburg gen Osten los, um dreieinhalb Jahre und 97.000 Kilometer später aus dem Westen wieder nach Hause zu kehren. Ohne zu fliegen und mit einem kleinen Budget erkundeten sie von Neugierde und Spontanität begleitet die ganze Welt. Per Anhalter ging es los, mit Rucksack und einem kleinen Zelt gen Osten. Sie bereisten Länder wie Tadschikistan, Georgien, Iran, Pakistan, China und die Mongolei. Von Japan ging es mit einem Frachtschiff über den Pazifik. In Mexiko fuhren sie mit einem alten VW-Bus durch Mittelamerika und erreichten im Frühjahr 2016 nach einer Schiffspassage von Costa Rica nach Spanien wieder europäischen Boden. Mit einem 1200 Kilometer langen Fußmarsch vollendeten sie die Weltumrundung bis vor die Haustüre in Freiburg. Im Mittelpunkt der Reise steht immer der unmittelbare Kontakt zu den vielen Menschen, die sie erleben durften. Ein Film wie eine gelebte Völkerverständigung. Der Film wurde mittels eines Crowdfunding-Projekts finanziert. Dabei haben fast tausend Unterstützer über 35.000 Euro zusammengetragen. Neben dem Film ist auch ein Reisemagazin entstanden. Auf 260 Seiten werden Momentaufnahmen, Gedanken, Bilder und Anekdoten präsentiert, die Allgaier und Weisser auf ihrer Reise erlebt haben. Das Buch enthält außerdem sehr besondere Rezepte und 30 Kurzgeschichten.

Di. 21.11.2017 / 20:00

IL DIVO / DER GÖTTLICHE Cinema Italiano /OmU

Der Film schließt an die Tradition des italienischen Polit-Thrillers an.

© DCM Film Distribution

IL DIVO ist eine preisgekrönte italienisch-französische Filmbiografie des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti: Seit bereits vier Jahrzehnten ist Andreotti im Wechsel an der Macht. 1991 wird der kleine und leicht buckelige Politiker zum  siebten Mal zum italienischen Ministerpräsidenten gewählt. Stets gelassen und voller Kalkül führt der Christdemokrat seine Partei und die jeweiligen Regierungen. Wenn alle um ihn herum in Rom noch schlafen, ist er bereits wach und lässt sich von seinen Bodyguards zum Beten in die Kirche geleiten. Während er darauf bedacht ist, so wenig wie möglich über sich selbst preiszugeben, sammelt er sämtliche, und vor allem die besonders pikanten, Informationen über seine Rivalen, um sie im richtigen Augenblick zu seinem Vorteil nutzen zu können. Der klug komponierte Film ist eine von Abneigung und Faszination geprägte Studie über einen Machtmenschen, dem es vor allem auch um die Kritik an desolaten politischen Systemen geht. Mit bemerkenswerten Bildern und einem grandiosen Toni Servillo in der Hauptrolle gelang Regisseur Paolo Sorrentino ein packendes Porträt. Das Ganze ist im Stil einer Polit-Farce angelegt, wechselt gekonnt zwischen Clownerie und Polit-Thriller, und flechtet tragische Momente ein. Ein bitteres Vergnügen der Extraklasse!

Mo. 20.11.2017 / 20:00

ON THE MILKY ROAD

Emir Kusturica entfesselt mit überbordendem Einfallsreichtum die furiose Bilderflut eines modernen Märchens.

© 2017 Weltkino

Mitreißend erzählt der preisgekrönte Regisseur von der Liebe in Zeiten des Krieges im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien. Sein buntes, oft schrilles und zuweilen wunderbar sentimentales Werk umspannt die letzten Tage der jüngsten Balkankriege bis fast in die Gegenwart, und es ist, wie bei ihm üblich, Melodram und Slapstick, Heimatfilm und Musikvideo, Abenteuerfilm und romantisches Märchen zugleich. Erzählt wird die Geschichte des liebenswürdigen Musikers und Lebemannes Kosta, der jeden Tag aufs Neue die Frontlinien durchbricht, um den kämpfenden Soldaten von einem Bauernhof frische Milch zu bringen. Traumatisiert von der Ermordung seines Vaters macht er sich mit seinem treuen Esel immer wieder auf den gefährlichen Weg. Auf dem Hof trifft er stets die athletische Turnerin Milena, die bereits ein Auge auf ihn geworfen hat. Doch als Kosta die rätselhafte italienische Schönheit sieht, ist es um ihn geschehen. Leider ist diese mysteriöse Frau bereits vergeben. Sie soll einen wilden Kriegshelden heiraten, Milenas Bruder. Gleichzeitig ist ihr auch ein  rachsüchtiger Nato-General verfallen, der für sie seine Frau umgebracht hat. Trotz allem düsteren Hintergrund strahlt die Fabel über die Liebe eine Lebensfreude aus, die einfach ansteckt. Ein selbstverliebtes Huhn, in Blut badende Gänse, explodierende Schafe, zahme Wanderfalken und eine Milch trinkende Schlange, die Menschenleben rettet – es ist ein reichlich verrücktes Bestiarium, das sein neues Epos  mit magischem Realismus bevölkert. Emir Kusturica, der zweimalige Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, feiert einen bildlichen Sieg des Autorenkinos über das Mainstream-Hollywood.

Mo. 13.11.2017 / 20:00

MARKETA LAZAROVÁ / OmU

Eines der bedeutendsten Filmjuwelen der tschechischen Kinokunst.

© 1967 Studio Filmowe Barrandov Státní fond České Republiky

Traumhaft-visionär taucht der Film tief in ein düsteres Mittelalter ein. In weiten Winterlandschaften, Wäldern und kargen, schmutzigen Burghöfen und Kammern spielt sich die Geschichte um eine Fehde zweier Räuberbanden und die junge Marketa, Tochter eines der Räuber, ab. Verkörperung der Unschuld in einem Reigen aus Gier und Rache soll sie in ein Kloster gehen, wird aber vom konkurrierenden Clan entführt und vergewaltigt, was eine tragische Verwandlung ihres Charakters auslöst. Es ist ein forderndes Werk, doch in seiner Kompromisslosigkeit und in seinem Reichtum an Formen und Motiven in seiner Bildgewalt ungemein faszinierend. Fremd und geheimnisvoll wirken die Bilder wie die Protagonisten dieses Films, ebenso die experimentierende Tongestaltung mit Echoeffekten und asynchronen Passagen. Während auf der Bildebene majestätischen Tableaus mit wilder Handkamera wechseln, kombiniert die Musik Chorgesang mit elektronischen Klängen. Blutiger Naturalismus begegnet Mystik, heidnische Rituale kollidieren mit christlicher Symbolik und lyrisch-verwunschenen Ritualen. Manches erinnert an Tarkovskij oder auch Orson Welles. Dass „Marketa Lazarová“ nun wieder ins Kino kommt, ist ein Glücksfall.

Di. 07.11.2017 / 20:00

SONG TO SONG

Terrence Malicks neuer Film verneigt sich vor der Kraft des Kinos und der Popmusik.

©-2017-STUDIOCANAL-GmbH

Eine dekadente Showbiz-Party, auf der die Gäste ernsthaft und von jeder Selbstironie befreit Sushi-Häppchen von einem nackten Model herunternaschen, während die Champagner-Kellner lustvoll ausschenken, bildet den Anfang des Films. Veranstaltet wird die Party unter texanischer Abendsonne von dem reichen Musikproduzenten Cook. Der Mann ist alles in allem ein reiner Menschenfänger und hat in Malicks Liebesmeditation vor allem eine Funktion: Er soll das zynische Gegenmodell der liebesbedürftigen Romantiker verkörpern, denen der Regisseur hier ein Denkmal setzt. Auf Cooks Party lernen sich die Musikerin Faye und der Song-Schreiber BV kennen und verlieben sich. Beide verachten das anwesende Partyvolk, aber beide würden gerne durch den Musikproduzenten Cook berühmt werden. Und Faye hatte sich bereits auf eine Affäre mit ihm eingelassen. Amouröse und berufliche Gelüste vermischen sich aufs giftigste. Wenn „Song to Song“ der berührendste Malick-Film seit Langem geworden ist, liegt das nicht so sehr an der Dreiecksgeschichte, sondern daran, dass er mit einem beeindruckenden Staraufgebot auf zwei Stunden noch einmal alles lustvoll verdichtet, was ihn am Kino und an der Musik fasziniert. Er begegnet der Zauberkraft der Musik und des Kinos immer noch mit einer Unschuld und Verletzlichkeit, um die man ihn beneiden muss. Und ihm zur Seite stehen dabei: Michael Fassbender, Rooney Mara, Ryan Gosling, Cate Blanchett, Natalie Portman, Val Kilmer, Holly Hunter. Hut ab!

Mo. 06.11.2017 / 20:00

JUGEND OHNE GOTT

Ein Filmdrama auf der Grundlage des gleichnamigen Romans von Ödön von Horváth.

© Constantin Film

In der digitalen Welt in naher Zukunft leben die Menschen in einer Leistungsgesellschaft, die keine moralischen Werte mehr kennt und Integration nicht etwa dazu dient, den Schwachen zu helfen, sondern sie zu isolieren. Liebe und Menschlichkeit spielen nur noch untergeordnete Rollen. Alles ist auf Leistung, Anpassung und Effizienz ausgerichtet. Beim jährlich stattfindenden Hochleistungs-Camp versuchen die Besten der Abschlussklasse einen der fünf weltweit existierenden Rowald-Universitäten zu erzielen. In dem zwischen Bergen und Wäldern gelegenen und hermetisch abgeriegelten Camp wird eines Tages eine Schülerin erschlagen im Wald aufgefunden. Jemand gesteht den Mord, obwohl er ihn unmöglich begehen konnte. Ein bis dahin moralisch absolut integrer Lehrer begibt sich auf die Spurensuche. Er verstrickt sich dabei aber in Lügen und bricht mit seinen eigenen Wertvorstellungen. Auch der Zusammenhalt der Gruppengemeinschaft zerbricht mehr und  mehr. Von der Deutschen Film- und Medienbewertung wurde der Film mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ versehen und erhielt außerdem den Bayerischen Filmpreis 2016.

So. 05.11.2017 / 11:00

FINAL PORTRAIT / ALBERTO GIACOMETTI

Der Film porträtiert zwei Wochen im Leben des Bildhauers und kreiert ein eindringliches Bild des Künstlers.

©2000-2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Es ist die Kunst von Filmen, nicht nur schöne Bilder zu zeigen, die Geschichten erzählen, sondern vor allem auch, Gefühle zu erzeugen. Dem Regisseur Stanley Tucci gelingt das in diesem Biopic. Es sind die lähmenden Zweifel, die quälende Zerrissenheit des Künstlers, die Tucci inszeniert und das ungewöhnliche Verhältnis zwischen dem alternden Giacometti und dem jungen Autor und Kunstliebhaber James Lord. Er war es, der Giacometti 1964 ursprünglich für ein paar Stunden in Paris Modell sitzen sollte, die zu mehr als zwei Wochen wurden. Die Sitzungen werden ständig von Bistro-Besuchen oder Spazierfahrten unterbrochen. Während Giacometti das Portrait immer wieder übermalt, erlebt Lord nicht nur die Entstehung eines Kunstwerkes am eigenen Körper, sondern auch den ungewöhnlichen Künstler in all seiner Zerrissenheit. Die beiden entwickeln eine ungewöhnliche Beziehung: nicht eng und doch vertraut. Sie sprechen über die Kunst und immer wieder ist es Giacometti, der Long mit seinen Fragen irritiert. „Wolltest Du schon mal ein Baum sein?“ Wolltest Du Dich schon mal umbringen?“ Long lässt den zwar neurotischen, aber doch sehr humorvollen, unkonventionellen Künstler mit einer Engelsgeduld walten und beflügelt so sein Schaffen. Er reist schließlich mit dem Portrait in die USA zurück, das in den Augen Giacomettis noch längst nicht fertig ist.

Mi. 01.11.2017 / 20:00

DER TOD VON LUDWIG XIV.

Regisseur Albert Serra hat das Sterben des Sonnenkönigs als Filmkunstwerk inszeniert.

© 2017 Grandfilm

Der absolutistische Herrscher hat all seinen Glanz verloren, ist nur noch ein alter Mann in seinen letzten Zügen, dessen Bein vom Wundbrand zerstört wird. Mit der opulenten Perücke sieht er aus wie eine bizarre Karikatur seiner selbst. Ohne große Gesten und Tragik wirkt der Film eher wie ein nüchterner Tatsachenbericht – wenn auch in denkbar schönster Form. Albert Serra orientiert sich an den historischen Dokumenten des Schriftstellers Saint-Simon, der am Hof Ludwig XIV. lebte. Gefühlte 80 Prozent der Handlung spielen im Schlafgemach des kranken Königs. Man verliert zunehmend das Gefühl, im Kino zu sitzen. Vielmehr meint man, wirklich mit am Bett zu stehen, so sehr fesselt die Kammerspielatmosphäre. Der Film wirkt mit seinen Farben und seiner Belichtung selbst wie ein Barockgemälde. Diese Mischung aus Experiment und Authentizität erzeugt eine seltsame und zugleich anziehende Stimmung, die man so im Kino schon lange nicht mehr gesehen hat. Das Ganze wird gekrönt von Jean-Pierre Léauds Schauspielleistung. Bekannt wurde er aus den vielen Filmen der Novelle Vague nach Francois Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ von 1960. Als Ludwig XIV. hinterlässt er sicher einen der bleibendsten Eindrücke seiner Karriere. Léaud ist ein Ereignis an sich: sofort fühlen wir uns in diesen Greis hinein, an dem die Zeit, die er geprägt hat, nur noch vorbeifließt. Trotzdem ist er noch der Sonnenkönig, um den sich der ganze Hof dreht. Und wenn er in diesem Meisterwerk den leidgeprüften Blick gen Kamera lenkt und dazu Mozarts Große Messe in c-Moll erklingt, versteht man wieder die Kraft und den Wert des Kinos.