ARCHIV FÜR November2016

Mo. 28.11.2016 / 20:00

AMERICAN HONEY

Eine Hommage an den biologisch programmierten Größenwahn der Jugend.

Die junge Star ist von einem Lebenshunger beseelt, der sie heraustreibt aus der White Trash-Hölle, in der ihr Vater sie ständig begrapscht und die Mutter längst verschwunden ist. In einem Supermarkt hat Star eine merkwürdige Begegnung, die ihr zur Flucht aus der Tristesse verhilft. Da grinst sie an der Kasse ein junger Mann mit Piercing unter der Augenbraue an, dessen Haare so unverschämt perfekt verwuschelt sind, dass sie sich einfach sofort in ihn verlieben muss. Er heißt Jake und überredet Star, sich seiner Clique aus jugendlichen Herumtreibern anzuschließen, die im Kleinbus durchs amerikanische Hinterland pilgern, Partys feiern und von Haustür zu Haustür ziehen, um den Menschen Zeitschriftenabos anzudrehen. Star schließt sich dem bunten, zugedröhnten Haufen an, und es beginnt eine Reise durchs amerikanische Kernland, Oklahoma, Nebraska, Dakota: das Panorama jenes vergessenen Amerikas, das zwischen den glamourösen Großstädten an Ost- und Westküste gern übersehen wird. Wir sehen Star auf ihrer Reise beim Abheben, Hinfallen und Wiederaufstehen zu, ohne dass am Ende eine Katharsis stünde. Ein trostloses Motel wird vom nächsten abgelöst, eine Zigarette nach der anderen geraucht, an eine Haustür nach der anderen geklopft, gelegentlich gibt es Sex. Trotzdem steckt gerade in der Monotonie die Erotik dieses Films. Für den Filmtitel “American Honey“ hat sich die Regisseurin Andrea Arnold vom gleichnamigen Songtitel der Country-Band „Lady Antebellum“ inspirieren lassen, die darin ein junges Mädchen besingt, das mit heißer Sehnsucht erfüllt ist und sich ein wildes Sommerabenteuer träumt. Eine solche Geschichte erzählt auch der Film, nur kann das einst so weite Land, in dem dieses Abenteuer stattfinden soll, einfach nicht mehr mit der Größe der Teenagerträume mithalten.

Mo. 21.11.2016 / 20:00

CAPTAIN FANTASTIC

Eine bewegende Tragikomödie über Familie, persönliche Werte und Ideale.

Der hochgebildete Ben Cash lebt aus Überzeugung mit seinen Kindern in der Einsamkeit der Berge im Nordwesten Amerikas. Ein Vater, der seine sechs Kinder fernab der Zivilisation im Geiste kosmischer Ganzheitlichkeit und kapitalismuskritischer Reflexion erzogen hat. Er bringt ihnen nicht nur ein überdurchschnittliches Wissen bei, sondern auch wie man jagt und in der Wildnis überlebt. Als Ben die Nachricht erhält, dass seine Frau sich in dem Krankenhaus in der entfernten Stadt, in dem sie wegen ihrer Depression behandelt wurde, das Leben genommen hat, ist er gezwungen, mitsamt der Kinder seine selbst geschaffene Aussteigeridylle zu verlassen und der realen Welt entgegenzutreten. In einem alten Bus macht sich die Familie auf den Weg quer durch die USA zur Beerdigung, die bei den Großeltern stattfinden soll. Ihre Reise ist voller komischer wie berührender Momente, die Bens Freiheitsideale und auch seine Vorstellungen von Erziehung nachhaltig infrage stellen.

Mo. 14.11.2016 / 20:00

TSCHICK

Fatih Akin verfilmte den preisgekrönten Bestseller von Wolfgang Herrndorf.

Berlin, zu Beginn der Sommerferien: der 14-jährige Maik stammt aus einem scheinbar gutsituierten, aber insgeheim zerrütteten Elternhaus. Seine Mutter ist alkoholabhängig und lässt sich regelmäßig in eine Entzugsklinik einweisen. Maiks gewalttätiger Vater, ein Immobilienmakler, will lieber den Urlaub mit seiner jungen „Assistentin“ verbringen und lässt den Sohn mit 200 Euro allein in der elterlichen Villa zurück. In der Schule gilt Maik als langweiliger Außenseiter. Er wird nicht zur Geburtstagsparty seiner attraktiven und beliebten Klassenkameradin Tatjana eingeladen. Das schmerzt ihn sehr, da er heimlich in Tatjana verliebt ist. Maik hat von ihr ein aufwändiges Porträt gezeichnet, das er ihr zum Geburtstag schenken wollte. Als er die Zeit gelangweilt am Pool verbringt, taucht überraschend sein neuer Mitschüler Tschick auf. Der Russlanddeutsche, der ebenso in verwahrlosten Verhältnissen lebt und auch nicht zur Party eingeladen wurde, kann den schüchternen Maik dazu überreden, mit ihm in einem „geliehenen“ LADA einfach uneingeladen auf die Party zu fahren – und Tatjana die Zeichnung zu überreichen.

Anschließend will Tschick mit dem LADA seinen Großvater in der Walachei besuchen und lädt Maik dazu ein, ihn zu begleiten. Maik geht auf das Angebot ein

und gemeinsam begeben sie sich auf eine ereignisreiche, abenteuerliche Fahrt quer durch Ostdeutschland in Richtung Walachei. „Tschick“ wurde nach der Uraufführung ausschließlich Lob seitens der Fachkritik zuteil. Der Film sei „das perfekte Roadmovie – rasant, lustig und klug“ (Der Spiegel), „glaubwürdig und grandios“ (Die Zeit), „alles Wesentliche aus dem Roman ist enthalten“ (Süddeutsche Zeitung), „das

Lebensgefühl der literarischen Vorlage ist genau getroffen“ (Frankfurter Rundschau).

Di. 08.11.2016 / 20:00

GENIUS English Cinema / VHS OmU

Deutscher Titel: Die tausend Seiten einer Freundschaft.

New York in den Zwanzigerjahren. Der Lektor Max Perkins nimmt im renommierten Verlagshaus “Scribner´s Sons“ zukünftige Schriftstellergrößen wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald erstmals unter Vertrag. Als ihm ein wildes, ungeordnetes 1000-Seiten-Manuskript des unbekannten Thomas Wolfe in die Hände fällt, ist er überzeugt, ein literarisches Genie entdeckt zu haben. Gemeinsam machen sich die beiden Männer daran, das Werk herauszubringen – ein schier endloser Kampf um jede Formulierung beginnt. Dabei kommen sich der sanfte Familienmensch Perkins und der exzentrische Autor Wolfe näher, argwöhnisch beobachtet von ihren Frauen. Als „Schau heimwärts, Engel“ zum durchschlagenden Erfolg wird, zeigt sich der Schriftsteller zunehmend paranoid. Der Film basiert auf A. Scott Bergs preisgekrönter Biografie „Max Perkins: Editor of Genius“, die von dem

mehrfach ausgezeichneten Drehbuchautor John Logan adaptiert wurde. Mit der Zeitreise ins New York der Roaring Twenties gibt der erfolgreiche Londoner Theaterregisseur Michael Grandage sein Kinodebüt. Der stets verlässliche Colin Firth verkörpert einfühlsam den New Yorker Lektor, Jude Law brilliert als extrovertierter, genialer Autor. Der eine ist das Genie des Schreibens, der andere ein Genie der Freundschaft.

Mo. 07.11.2016 / 20:00

THE MUSIC OF STRANGERS: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble

Der Cellist Yo-Yo Ma umarmt und verbindet die Welt.

Musik verbindet über Kulturgrenzen hinweg. Die Cellisten-Legende Yo-Yo Ma gibt dieser alten Weisheit mit seinem “Silk Road Ensemble“ praktischen Ausdruck. Er musiziert seit dem Jahr 2000 in der Gruppe zusammen mit Künstlern aus aller Welt.

Regisseur Morgan Neville verwebt in seinem großartigen Dokumentarfilm Bühnenausschnitte, persönliche Interviews und Archivmaterial, zeigt, wie die Instrumentallisten, Sänger, Komponisten und Geschichtenerzähler des Ensembles gemeinsam die Welt der Musik entdecken und eröffnen. Wir sehen, dass die Kernmitglieder dieser nach dem uralten Handelsweg benannten Gruppe mit Talent, Leidenschaft und auch zu Opfern bereitem Engagement gemeinsam musizieren. Dabei bewahren sie Ihre Traditionen, öffnen sich aber in der Zusammenarbeit auch denen ihrer Kollegen. Dazu sagt Yo-Yo Ma: „Kultur heißt nicht, Traditionen zu konservieren. Gerade in den Nahtstellen zwischen unterschiedlichen Kulturen entstand schon immer viel Neues.“ Alle reden von Integration. Dieser Musiker und sein Orchester sind ihre leibhaftige Verkörperung.

Di. 01.11.2016 / 20:00

SILENT HEART – MEIN LEBEN GEHÖRT MIR

Eine feinfühlige Auseinandersetzung mit dem selbstbestimmten Sterben.

Am Ende eines letzten, vorgezogenen Weihnachtsfestes im Kreis ihrer Familie will die an ALS erkrankte Ehefrau, Mutter und Großmutter Esther ihrem Leben mit Hilfe von Tabletten ein Ende setzen. Im Elternhaus erscheinen die ältere Tochter Heidi mit ihrem Mann Michael und Sohn Michael, die jüngere Tochter Sanne mit Freund Dennis sowie Esthers lebenslange Freundin Lisbeth. Im Kreis ihrer Lieben möchte Esther ein letztes Wochenende verbringen, ehe ihr Ehemann Poul, ein ehemaliger Arzt, ihr nach Abreise der Gäste am Sonntagabend die tödliche Dosis eingeben soll. Der dänische Regisseur und Oscar-Preisträger Bille August auf die Frage, in welchem Maße die Verfilmung dieses Dramas für ihn auch ein Kommentar zur öffentlichen Diskussion über assistierten Selbstmord sei: „Was ich am Kino liebe, ist, dass es das Herz und die Seele einer Situation freilegen kann, jenseits aller Fakten und Statistiken von Historikern und Politikern. Im Film geht es um Innenansichten des täglichen Lebens und verschiedener Kulturen. Die Möglichkeiten der Medizin verlängern das Leben manchmal auch auf Kosten der menschlichen Würde. Andererseits könnte ein entsprechendes Gesetz auch dazu führen, dass alte Menschen ihrem Leben ein Ende setzen, nur um anderen nicht zur Last zu fallen.“  Der Film erhielt 2015 viele internationale Auszeichnungen für die Regie und die darstellerischen Leistungen.