ARCHIV FÜR Oktober 2013

Mo. 28.10.2013 / 20:00

die legende vom ozeanpianisten

Die grandiose Verfilmung des Monologs “Novecento“ von Alessandro Baricco

An Bord eines Ozeandampfers wird am Neujahrsmorgen des Jahres 1900 ein Säugling gefunden, welcher der Einfachheit halber “Neunzehnhundert“ genannt wird. Die ersten acht Jahre seines Lebens wird das Kind von dem Heizer Danny großgezogen und verbringt den Großteil dieser Zeit im Maschinenraum des Schiffes. Nach einem Unfall, bei dem der Heizer ums Leben kommt, entdeckt “Neunzehnhundert“ sein musikalisches Talent und spielt heimlich auf einem Flügel im Ballsaal der ersten Klasse. Im Laufe der der folgenden Jahre verlässt “Neunzehnhundert“ nie das Schiff und spielt als Pianist in der Bordkapelle. Während seiner Auftritte spielt er herausragende Jazzeinlagen und wird schließlich weit über die Grenzen des Ozeanriesen hinaus berühmt als der legendäre Ozeanpianist. Ein bekannter Musikproduzent und Freunde wollen ihn ermutigen, das Schiff zu verlassen. Aber selbst die Liebe zu einer ungarischen Emigrantin kann  ihn dazu bewegen, von Bord zu gehen. „Meine Welt liegt zwischen Bug und Deck!“ Faszinierend schlüssig verbinden sich erzählerische Passagen mit rein filmischer Poesie und einem ungemein stimmungsvollen Soundtrack von Enrico Morricone.

Di. 22.10.2013 / 20:00

UNE ESTONIENNE Á PARIS / EINE DAME IN PARIS VHS/OmU

Jeanne Moreau als alte Dame, die kein Pflegefall sein will

Sie ist immer noch eine Königin der Leinwand: Jeanne Moreau, die 84jährige Grand Dames des französischen Kinos. In diesem berührenden Kammerspiel verkörpert die Muse der Nouvelle Vague erfrischend würdevoll eine kokette, teilweise herrische Lady, die in der Auseinandersetzung mit ihrer Pflegerin zu neuem Lebensmut findet. Hier begegnen sich zwei Frauen, mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Weltanschauungen. Auf der einen Seite die Französin, die keinen Hehl macht aus ihren Gefühlen und hinter der ein Leben voller Lust und Leidenschaft liegt. Auf der anderen Seite eine bescheidene und eher stille Frau, die in Estland ihre Mutter pflegte bis diese starb und nun die Chance wahrnimmt, ihren Jugendtraum von Paris als Hausdame wahrzunehmen.  Wie sich die beiden sehr unterschiedlichen Frauen annähern, bis schließlich so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihnen entsteht, die von gegenseitiger Toleranz und Achtung getragen wird, davon erzählt Regisseur Ilmar Raag diese unsentimentale Geschichte mit liebevoller Detailbeobachtung und Menschlichkeit.

Mo. 21.10.2013 / 20:00

the place beyond the pines

Eine herausragende Studie über Schuld, Verantwortung und Wiedergutmachung

Der Film beginnt mit einer beeindruckenden Plansequenz: der Motorrad-Stuntman Luke bereitet sich auf seinen Auftritt bei einer Jahrmarkt-Provinzshow vor, nimmt Aufstellung mit seinen beiden Kollegen, und nacheinander steuern sie ihre Maschinen in einen kugelförmigen eisernen Käfig, in dem sie dann auf engstem Raum ihre Bahnen umeinander ziehen. Ein Bild, das zugleich von Raserei und Kontrolle, von Irrsinn und Präzision erzählt. Nach der Show begegnet er einer Frau wieder, mit der er einst einen One-Night-Stand hatte. Und als er erfährt, dass er der Vater ihres kleinen Sohnes ist, beschließt er, Verantwortung zu übernehmen. Da er mit ehrlicher Arbeit nicht genug verdient, um seinen Sohn zu unterstützen, setzt er auf sein besonderes Talent, das Motorradfahren, und wird zum Bankräuber auf zwei Rädern. Bei den waghalsigen Überfällen wird  Luke eines Tages durch den Polizisten Avery gestellt. Was beide Männer diesseits und jenseits des Gesetzes nicht ahnen können: Sie haben für die Zukunft ihrer Söhne folgenschwere Weichen gestellt. Mit einem großen zeitlichen Sprung  werden diese zu den Hauptfiguren des zweiten Handlungststranges, eng mit der Vorgeschichte verknüpft. Sämtliche Rollen sind mit ausgezeichneten Darstellern besetzt – das allein schon macht den Film zu einem großen Erlebnis.

Mo. 14.10.2013 / 20:00

das Wochenende

drama über die Rückkehr eines ehemaligen raf-terroristen

In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Bernhard Schlink lässt Regisseurin Nina Grosse alte und neue Lebensentwürfe und Ideale in einer kleinen Gruppe alter Freunde aufeinanderprallen.  Es ist wie eine Zeitreise: Das ehemalige RAF-Mitglied Jens Kessler wird nach 18 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Die Welt hat sich weitergedreht, die RAF sich aufgelöst und auch Jens Freunde haben sich verändert. Seine Ex-Freundin lebt mit ihrem neuen Mann in Berlin. Sie genießen ein kultiviertes und bequemes Leben zwischen Vernissagen, Lesungen und Bio-Delikatessen. Jens hat sich jedoch wenig verändert und glaubt noch immer daran, das Richtige getan zu haben. Eine eindrucksvolle Verhaltensstudie einer Generation: Menschen, die sich einmal sehr nahe standen und nun scheinbar in völlig unterschiedlichen Welten leben. Ideale und Emotionen die man einmal hatte, wurden zugunsten von Karrieren und scheinbarem Wohlleben aufgegeben. Das ausgezeichnete Darsteller-Ensemble leistet Großes!

So. 13.10.2013 / 20:00

quartett

das wohlgelungene Regiedebüt von Dustin Hoffman zum Verdi-jahr

Dustin Hoffman sagte, DER KUSS DER TOSCA von Daniel Schmid  sei für seinen Film eine unmittelbare Inspiration gewesen. In QUARTETT geht es um Verdi-Atmosphäre in einer schmucken Residenz in der englischen Provinz, eingebettet in einen wundervollen Park. Hier leben betagte Opernsänger/innen und Musiker/innen, die aus ihrem jetzigen Zuhause eine Dauer-Oper machen. Eine äußerst illustre Gesellschaft, die ständig für den nächsten Galaabend probt und mit vielen emotionalen Turbulenzen für ein wunderbares Kinovergnügen sorgt.

So. 13.10.2013 / 13:00

der kuss der tosca

ein grandioser Dokumentarfilm zum Verdi-Jahr

Der Schweizer Ausnahmeregisseur Daniel Schmid porträtiert die Bewohner des “Casa di Riposo per Musicisti“ in Mailand, das durch Giuseppe Verdi als Altersheim für Opernsänger/innen und Musiker/innen  gegründet, und nach seinem Tod in “Casa Verdi“ umbenannt wurde. Es gibt wenige Filme, die von so inniger, feinfühliger Anteilnahme zeugen, mit der sich der Regisseur seinem Porträt  genähert hat.

Mo. 07.10.2013 / 20:00

die wilde zeit / aprés Mai

Die 70er Jahre: Eine Zeit intensiver, kreativer Aufbruchstimmung

Gilles ist ein junger Student, der sich von der politisch aufgeladenen und kreativen Aufbruchstimmung jener Zeit mitreißen lässt. Bei seinen politischen Zusammenkünften lernt er die ebenfalls rebellisch infizierte Christine kennen, die für die gleiche Sache kämpft wie er, und verliebt sich auf der Stelle in sie. Neben der Liebe entdeckt Gilles die Welt der Kunst und sein Interesse für Malerei und Film. Er erkennt, dass die Zeit gekommen ist, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, hin-und hergerissen zwischen der Liebe zu Chritine, seinen Freunden, seinen neu entdeckten Interessen und seinen politischen Überzeugungen. Der Regisseur entwickelt statt einer belehrenden Zeitdiagnose ein äußerst präsentes Zeitgefühl, das auch mit den Widersprüchen des revolutionären Geistes – wie Aufklärung und Dogmatismus oder sexuelle Freiheit und Emanzipation – souverän umgeht. Und es gibt noch eine zweite Ebene, die einen wahren Sog in die Siebziger entwickelt: die Musik. Olivier Assayas hat zu seinem Film einen hinreißenden Soundtrack zusammengestellt, der weit mehr ist als nur eine Untermalung der Bilderwelt.

Di. 01.10.2013 / 20:00

wuthering heights / Sturmhöhe / VHS/OMU

Neuverfilmung des Literaturklassikers von Emely Bronté

Der Roman “Sturmhöhe“ ist eines der berühmtesten Bücher des 19. Jahrhunderts. William Wylers erste Filmfassung von 1939 gilt ebenfalls als Klassiker, weitere Leinwandadaptionen entstanden von Luis Bunuel und Jacques Rivette. Für jeden Filmemacher ist es bei einem so bekannten Stoff eine besondere Herausforderung, die richtige Balance von Eigenständigkeit  und Vorlagetreue zu halten. Die neue Version von der Oscarpreisträgerin Andrea Arnold, der einfühlsamen Spezialistin für sozialrealistische Stoffe, konzentriert sich in Bildern von demonstrativer Sinnlichkeit auf das Wesentliche des Melodrams: auf Menschen, die in ihrem Leben ohne Chance bleiben, ihre Sehnsüchte zu realisieren. Das Leben auf dem Landsitz in Yorkshire wird von Liebe Hass und Tod beherrscht. Die Liebe der noblen Cathy und ihrem in ihre Familie aufgenommenen Halbbruder Heathcliff – erstmals von einem schwarzen Darsteller gespielt – endet tragisch. Der Regisseurin ist es überzeugend gelungen, einer von einer von gewissen Erstarrungserscheinungen bedrohten Filmgattung neue Energie zuzuführen. Sehr sehenswert!