ARCHIV FÜR September 2017

Di. 26.09.2017 / 20:00

THE PARTY / English Cinema OmU

„A comedy of tragic proportions“

© 2017 Adventure Pictures Ltd

Janet ist gerade zur Ministerin ernannt worden – die Krönung ihrer politischen Laufbahn. Mit ihrem Mann Bill und ein paar engen Freunden soll das gefeiert werden. Die Gäste treffen in ihrem Londoner Haus ein, doch die Party nimmt einen anderen Verlauf als erwartet. Bill platzt mit gleich zwei explosiven Enthüllungen heraus, die nicht nur Janets Existenz in den Grundfesten erschüttern. Liebe, Freundschaften, politische Überzeugungen und Lebensentwürfe stehen plötzlich zur Disposition. Unter der kultivierten linksliberalen Oberfläche brodelt es, und in der Auseinandersetzung werden schließlich scharfe Geschütze aufgefahren. In ihrem neuen Kinofilm lädt die britische Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter namhafte Akteure zur Party. Was als Komödie mit hintersinnigem Witz und scharfen Dialogen beginnt, kippt in die Tragödie. Wenn dem Leben mit Argumenten nicht mehr beizukommen ist, wird unversehens um den Fortbestand der nur scheinbar gefestigten Existenzen gerungen. Die Spielfreude des hochkarätigen Ensembles überzeugt in jeder Szene – ob beim philosophisch-existentialistischen Wortgefecht oder dem ganz banalen Faustschlag.

Mo. 25.09.2017 / 20:00

ARRIVAL

Ein Exkurs in die Rätsel unseres Daseins.

© 2016 CTMG

Angenommen die Menschheit bekommt Besuch aus dem All und das Unvorstellbare passiert: Trotz Massenpanik und Weltuntergangsstimmung denken die Aliens gar nicht daran, Unschuldige zu entführen, wichtige Gebäude zu sprengen, die Menschheit auszurotten oder zwecks Energiegewinnung unseren Erdkern anzubohren. Stattdessen verhalten sie sich ruhig und verlassen ihre Raumschiffe nicht. Bei den ersten Kontaktversuchen unsererseits, durchgeführt von todesmutigen Spezialeinheiten, tun sie im Gegenteil etwas, worauf uns Literatur und Kino nie angemessen vorbereitet haben: Sie signalisieren den Wunsch nach Kommunikation. Was nun? Präzise an diesem Problem, an dem guter Rat für die Menschheit teuer ist, setzt Denis Villeneuves großartiger Film an. Und damit wird die Sache ernst. Denn nun wird eine sehr reale Frau, eine Koryphäe der vergleichenden Sprachwissenschaft, aus ihrem Alltag herausgerissen und in einen Militärhelikopter verfrachtet. Die Linguistin Dr. Louise Banks erlebt zunächst das mögliche Ende der Welt wie jeder andere, denn der Zugang zu den Aliens wird bereits vom Militär kontrolliert. Sie sitzt mit gemischten Gefühlen in diesem Helikopter: Weil einerseits klar ist, dass ihr nächster Schritt auch ihr letzter sein kann, weil aber andererseits der Zugang zur Wahrheit natürlich von großem Wert ist. Ihrem ungläubigen Einsatzleiter versucht sie klarzumachen, dass es erforderlich ist, mit dem unbekannten Sprecher zu reden, um eine neue Sprache zu erfassen. Der Versuch einer Annäherung kann beginnen. Die überzeugenden Schauspieler, das betörende visuelle Konzept, die teils abgründige Musik – diese Elemente verbinden sich zu einer großen, emotionalen Filmgeschichte.

Mo. 18.09.2017 / 20:00

JAHRHUNDERTFRAUEN

Ein hinreißendes Zeitgeist-Kaleidoskop der späten 70er Jahre.

© 2017 Splendid

Erzählt wird die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die in Kalifornien mit der Erziehung ihres heranwachsenden Sohnes ins Stolpern kommt. Um den fehlenden Mann im Haus zu ersetzen, baut Mama Dorothea spontan auf Frauen-Power. Die selbstbewusste Fotografin Abbie sowie Teenager Julie, die beste Freundin ihres Sohnes seit Kindergarten-Tagen, sollen fortan solidarisch bei der Erziehung mithelfen. Der sensible Jamie reagiert zunächst nicht unbedingt begeistert auf diese unorthodoxe Pädagogik-Maßnahme, aber er lässt sich auf den Deal ein und erkennt schnell die Vorteile als Hahn im Korb. Dieses ausgesprochen wundervoll entwickelte, zudem psychologisch plausible Figurenkabinett wird von einem exzellenten Ensemble verkörpert, dem die Spielfreude spürbar anzumerken ist. Für ein zusätzliches Vergnügen sorgt neben den geschliffenen Dialogen ein Super-Soundtrack, der von David Bowie über The Clash und Devo bis zu den Talking Heads reicht. Dem amerikanischen Independent-Filmer Mike Mills ist ein hinreißender Film gelungen. Eine Pressestimme:„ Sollten Sie vorhaben, dieses Jahr nur ein einziges Mal ins Kino zu gehen, dann bitte in diesen. Besser geht´s nicht!“ (Gute Promotion, aber völliger Unsinn: wir haben noch mehr davon im FILMFORUM.)

Fr. 15.09.2017 / 20:00

KINDER DES OLYMP / Zur Kunstnacht am 16. September

Eines der reifsten, schönsten und zeitlosen Meisterwerke der Filmgeschichte.

© Pathé Film

Die Liebschaften des Pantomimen Debureau und einer wie von Balzac geschaffenen Kurtisane Garance, die Verzweiflung einer treuen Gattin, die Bohéme eines berühmten Schauspielers, der Anachronismus eines intellektuellen Mörders, die populären Pariser Theater, der Boulevard du Crime, die türkischen Bäder, die Kaschemmen – alles Elemente einer prächtigen Verfilmung, deren Vollkommenheit unvergleichlich ist. Den Hintergrund bildet ein großer Diskurs über Kunst und Wirklichkeit, gestützt durch das Nebeneinander der verschiedenen Formen der Schaustellerei: Melodram, Komödie, Tragödie, Pantomime, Kino – und das Leben selbst. Dieses Werk verdient bis auf den heutigen Tag seinen großen internatonalen Erfolg auf Grund seiner Noblesse, seiner Balance seiner Qualität und seines Raffinements.

Do. 14.09.2017 / 20:00

ICH, DANIEL BLAKE / Zur Kunstnacht am 16. September

Die kämpferische Anklage gegen ein Gesellschaftssystem, das menschliche Probleme allein mit Normen und Regeln lösen möchte.

© 2016 Prokino.

Mit dieser eindringlich erzählten Geschichte hat Ken Loach auf dem Festival in Cannes der Regisseurin Maren Ade die sicher geglaubte Goldene Palme für „Toni Erdmann“ abgerungen. Zusammen mit seinem Drehbuchautor hat er aus der Statistik der Sozialämter zwei herzzerreißende Geschichten destilliert, über einen Witwer und eine alleinerziehende Mutter, die sich im Kampf um ihre Menschenwürde verbünden. Hier klingt das ganze Elend einer globalisierten Wirtschaft an. Aber als Hoffnungsschimmer erscheint die Solidarität der Schwachen untereinander. Das Sozialdrama mit gallenbitterem Witz ist ein Ereignis und gehört ohne Zweifel zu den besten Filmen des letzten Kinojahres.

Mo. 11.09.2017 / 20:00

RÜCKKEHR NACH MONTAUK

„Montauk“, heißt es, sei das Buch von Max Frisch, das bleiben wird.

© 2017 Wildbunch

Es gibt eine Liebe im Leben, die man nie vergisst: Der Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård) kommt zu seiner Buchpremiere nach New York. Seine Lebensgefährtin Clara (Susanne Wolff) ist ihm vorausgereist, um an der US-Veröffentlichung vorbereitend mitzuarbeiten. In seinem Roman schreibt Max vom Scheitern einer Liebe in dieser Stadt. Nicht ganz zufällig trifft er Rebecca (Nina Hoss) wieder, die Frau von damals. Sie ist inzwischen eine erfolgreiche Anwältin, ursprünglich aus Deutschland und seit bereits seit 20 Jahren in New York. Sie beschließen, noch einmal ein Wochenende miteinander zu verbringen. Es ist Winter in Montauk, dem kleinen Fischerhafen mit dem berühmten Leuchtturm am Ende von Long Island. Zwei Strandstühle am windgepeitschten Meer. Sie warten auf zwei Menschen, die einander für lange Zeit verloren hatten. Nun kehren sie zurück, voller Trauer um das versäumte Leben und Hoffnung auf die Zukunft. Die Körper erinnern sich, aber sie wissen nicht, ob sie die Zeit ungeschehen machen können. In Montauk werden sie es herausfinden. Oscarpreisträger Volker Schlöndorff schrieb das Drehbuch zusammen mit dem irischen Autor Colm Tóibín, inspiriert durch die Erzählung von Max Frisch. Ein unbedingt sehenswerter Film, der auf der diesjährigen Berlinale begeisterten Zuspruch fand.

So. 10.09.2017 / 20:00

IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS

Die Agonie eines Staates und mehr noch die einer politischen Idee.

© X Verleih

Ost-Berlin im Frühherbst 1989: Wilhelm Powileit wird 90 und lässt diesen Geburtstag mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen. Was hat der alte Mann nicht alles erlebt? Seit 75 Jahren überzeugter Kommunist ist er einst aus Nazi-Deutschland geflohen und war im Exil in Mexiko. Währenddessen wurde sein Stiefsohn Kurt als angeblicher Konterrevolutionär in Moskau verhaftet. Nach seiner Rückkehr in die DDR stand Wilhelm als ehemaligem West-Emigrant nur eine relativ bescheidene SED-Parteikarriere offen. Heute aber bringen ihm Junge Pioniere ein Ständchen, und er wird mit Orden behängt. Während Wilhelm hartnäckig verleugnet, dass sein Ideal einer besseren Welt nur eine Chimäre war und die großen Hoffnungen von einst in Bürokratie und Angst erstickt sind, verlässt die junge Generation das Land. Auch in seinem privaten Umfeld gibt es Risse, die nicht mehr zu reparieren sind. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase verdichtet diese Geschichte zu einer Studie der verlorenen Utopien. Ein filmisches Gesellschaftsbild, in dem Wege und Irrwege des 20. Jahrhunderts am Beispiel einer auseinander brechenden Familie gezeigt werden. Ein Tag wie ein Jahrhundert.

So. 10.09.2017 / 11:00

Beuys

Eine Hommage an den Großkünstler und Selbstdarsteller.

© 2017 Piffl Medien

Joseph Beuys gilt als einer der größten Künstler und Kunsttheoretiker des 20. Jahrhunderts, der mit seinen spektakulären Aktionen für Aufsehen sorgte. Gerade durch jene Aktionskunst ging der Anthroposoph Beuys, der auch Gründungsmitglied der “Grünen“ war und als Professor an der Kunstakademie lehrte, in die Geschichte ein. Er brachte in einem Raum fünf Kilo Butter an und nannte dieses Werk “Fettecke“, er pflanzte in Kassel 1000 Eichen und erklärte einem toten Hasen die Bedeutung einiger Bilder. 24 mit Filzrollen und Fett bepackte Holzschlitten band er an einen alten VW-Bus, Titel: “Das Rudel“. Für seine großartige Kino-Doku über Beuys sichtete Andres Veiel 400 Stunden Archivmaterial, 20.000 Fotos und 300 Stunden Tondokumente. Drei Jahre dauerten die Arbeiten an dem Film, in deren Verlauf der Filmemacher 60 Zeitzeugen interviewte: ehemalige Weggefährten, Freunde, Künstlerkollegen und Studenten von Beuys. Durch die kunstvolle visuelle Gestaltung und einer ganz außergewöhnlichen Montage der Einzelszenen bekam die einfühlsame, kluge Filmbiografie bei der Weltpremiere während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin 2017 stürmischen Applaus. Schlusswort Joseph Beuys:“ Es ist die soziale Kunst gemeint, wenn ich sage: Jeder Mensch ist ein Künstler:“